Ausblick auf den Getreidemarkt zur Ernte 2019

Dr. Klaus Schumacher, Berater für Unternehmen der Agrarwirtschaft

Weizen mit Lupe

02.07.2019

Auf den internationalen Getreide- und Ölsaatenmärkten rückt das am 1. Juli beginnende Wirtschaftsjahr 2019/20 immer stärker in den Fokus der Marktteilnehmer. Für Unruhe sorgt weiterhin vor allem der Handelskonflikt zwischen den USA und China. Möglich erscheint, dass die USA und China Ende Juni am Rande des G-20 Gipfels in Japan eine Einigung erzielen und damit keine weitere Eskalation der Handelssanktionen erfolgt. Auf den Agrarmärkten würde eine Einigung wahrscheinlich zu steigenden Preisen führen, da die USA dann wieder mehr Sojabohnen, Schweinefleisch und wohl auch Mais und Weizen nach China exportieren können.

Unsicherheit herrscht wie immer zu diesem Zeitpunkt über die Höhe der weltweiten Ernten. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind die Aussichten für die Getreide- und Ölsaatenerzeugung gut bis sehr gut. Dies hat auch das Landwirtschaftsministerium der USA (USDA) in seiner ersten Schätzung für die internationalen Getreideernten 2019/20 Mitte Mai bestätigt.
Danach wird die weltweite Produktion von Getreide (Weizen und Futtergetreide, ohne Reis) erstmals mehr als 2,2 Mrd. t erreichen, ein Anstieg um fast 4 % im Vergleich zum Vorjahr. Trotz anhaltenden Zuwachses der Nachfrage, kommt es auf Basis dieser Zahlen bereits nach nur einem Jahr des Rückgangs zu einem Wiederaufbau der Bestände um rund 10 Mio. t (vgl. Abbildung 1).

Die Märkte reagierten auf diese Einschätzung des USDA mit einem kräftigen Rückgang der Preise. Zeitweise fielen die Kurse auf das niedrigste Niveau seit mehr als einem Jahr. In der Zwischenzeit haben die Notierungen aber wieder deutlich zugelegt. Hierfür sind vor allem ungünstige Witterungsbedingungen in den USA verantwortlich. Nahezu sintflutartige Regenfälle haben in den letzten Wochen zu sehr starken Verzögerungen bei der Aussaat von Mais geführt und behindern nun auch die rechtzeitige Sojabohnenaussaat. So konnten bis Ende Mai nur rund 60 % der geplanten Maisflächen bestellt werden – das schlechteste Ergebnis seit Beginn der Aufzeichnungen vor fast 40 Jahren. Zum Vergleich: im Vorjahr war die Aussaat Ende Mai bereits fast beendet.

Entsprechend gehen die Marktteilnehmer mittlerweile davon aus, dass die Maisanbaufläche 2019 etwa 4 Mio. ha geringer als geplant ausfallen wird. Zudem muss aufgrund der Aussaatverzögerungen und des späten Beginns der Vegetationsperiode von unterdurchschnittlichen Erträgen ausgegangen werden. Eine Ernte unter der des Vorjahres wird zu einem Abbau der Bestände in den USA führen und auch die Weltbilanz für Futtergetreide deutlich enger werden lassen – der maßgebliche Grund für den jüngsten Preisanstieg.

Die nasse Wetterlage führt auch zu einer verzögerten Sojaaussaat und schlechteren Bonitierungen bei Weizen, so dass Abstriche bei den bisherigen Ertragserwartungen auch hier gemacht werden müssen. Zudem besteht die Gefahr, dass sich eine heiße und trockene Wetterlage in den wichtigen Weizengebieten Russlands anbahnt und auch dort die bisher sehr guten Ertragsaussichten nach unten korrigiert werden müssen. Diese Entwicklung ist sicherlich noch kein Grund, heute schon weiter stark steigende Preise zu prognostizieren, die Stimmung im Markt hat sich aber gedreht.

Diese Vorschätzungen für die diesjährigen Ernten basieren darauf, dass wir bis zur Ernte normale Witterungsverhältnisse mit ausreichendem Regen und nicht zu vielen heißen Tagen haben werden. Die Wahrscheinlichkeit für zumindest durchschnittliche Erträge ist nach den Niederschlägen im Mai in den meisten Regionen der EU gegeben. Das Risiko, dass die EU und insbesondere Deutschland 2019 erneut eine unterdurchschnittliche Getreideernte einfahren werden, ist aber noch nicht gebannt. Regelmäßige Niederschläge und eine begrenzte Anzahl von heißen Tagen bleiben Voraussetzung, insbesondere in Norddeutschland, in Teilen Skandinaviens und im Vereinigten Königreich.

Was lässt ein Ausblick auf die Getreidemärkte in der EU erwarten?

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  • Die gesamte EU-Getreideproduktion 2019 wird von der EU Kommission zurzeit auf rund 311 Mio. t geschätzt, ein Plus von ca. 21 Mio. t bzw. 7 % im Vergleich zu 2018. Während die Anbaufläche um rund 2 % ausgeweitet wurde, sollen die Erträge mit durchschnittlich 5,5 t/ha um 4 % höher liegen als im Jahr 2018 (vgl. Abbildung 2).
  • Der Anbau von Weizen wurde um 3 % auf 26,2 Mio. ha ausgedehnt. Bei Rückkehr zu durchschnittlichen Erträgen wird ein Anstieg der Erzeugung auf ca. 144 Mio. t erwartet, ein Plus von fast 11 % im Vergleich zu den stark unterdurchschnittlichen 129 Mio. t im letzten Jahr.
  • Der Anbau von Gerste bleibt mit 12,4 Mio. ha unverändert zu 2018, während die Produktion aufgrund der besseren Ertragsaussichten von 56,5 auf gut 61 Mio. t steigen soll.
  • Die Rückkehr zu normalen Erträgen verbunden mit einer Anbauflächenausweitung um mehr als 10 % dürfte für Roggen zu einem Wiederanstieg der Erzeugung auf gut 8 Mio. t führen im Vergleich zu nur 6,3 Mio. t im Jahr 2018.

Wie ist der Ausblick für Deutschland?

In Deutschland haben die Landwirte die Anbaufläche für Getreide in diesem Jahr um knapp 5 % auf 6,4 Mio. ha ausgeweitet. Basierend auf durchschnittlichen Erträgen könnte die Getreideernte 2019 auf 47 bis 48 Mio. t steigen, während es im letzten Jahr nur rund 38 Mio. t waren. Vorausgesetzt, dass in den nächsten Tagen und Wochen regelmäßiger und ausreichender Niederschlag fällt, könnte sich die Erzeugung von Weizen kräftig erholen und mit 24 bis 25 Mio. t deutlich über den sehr niedrigen 20 Mio. t des letzten Jahres liegen. Ein ähnlich starker Anstieg ist für die Produktion von Gerste zu erwarten. Während 2018 nur 9,6 Mio. t geerntet werden konnten, dürften es in diesem Jahr ca. 12 Mio. t werden. Kräftig ausgeweitet wurde der Anbau von Roggen um mehr als ein Fünftel auf über 630.000 ha. Entsprechend kann mit einem Anstieg der Produktion von nur 2,2 auf ca. 3,5 Mio. t gerechnet werden.

  • In Deutschland und der EU wird die Entwicklung in Russland und der Ukraine entscheidend für den weiteren Marktverlauf sein.

    Dr. Klaus Schumacher, Berater für Unternehmen der Agrarwirtschaft
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Was bedeutet dies für die Preisentwicklung auf dem Getreidemarkt?

Entscheidend für die nächsten Wochen wird sein, wie stark die Aussaat von Mais und Sojabohnen in den USA hinter den Erwartungen zurückbleiben wird und wie sich die Ertragsaussichten entwickeln. Sollte es zusätzlich zu den kleineren Anbauflächen auch noch stark unterdurchschnittliche Erträge geben, werden die Versorgungsbilanzen nicht nur in den USA, sondern auch global deutlich enger und sollten weiter steigende Preise nach sich ziehen. In Deutschland und der EU wird wie in den letzten Jahren die Entwicklung in Russland und der Ukraine entscheidend für den weiteren Marktverlauf sein. Noch wird in Russland mit einer sehr guten Weizenernte von über 80 Mio. t gerechnet, 8 Mio. t mehr als im Vorjahr. Damit wird Russland der mit Abstand wichtigste Exporteur von Weizen auf dem Weltmarkt bleiben und die Exportmöglichkeiten der EU und Deutschlands vor allem in der ersten Hälfte des Wirtschaftsjahres 2019/20 erneut stark begrenzen. Sollte es aber wie erwähnt in der ersten Juni-Hälfte dort heiß und trocken sein und die Weizenernte unter 80 Mio. t fallen, dürften auch die Weizenpreise sowohl auf dem Weltmarkt als auch in der EU steigen. Solch eine Entwicklung hätte dann unmittelbar Auswirkungen auf den Getreideabsatz im deutschen Markt. Falls die russische Weizenernte doch wie erwartet gut ausfällt, blieben die Exportaussichten für deutschen Weizen relativ schlecht. Bei einer deutschen Weizenernte von rund 25 Mio. t wird Weizen verstärkt in den Futtersektor drängen und Mais, Gerste und Roggen im Mischfutter ersetzen. Damit bliebe auch für Futtergetreide wenig Preisspielraum nach oben.

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Dr. Klaus Schumacher
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