"Innovationen kommen verstärkt aus der Ökolandwirtschaft"

Für Dr. Felix Büchting, Vorstandsmitglied der KWS Saat SE, befruchtet die Ökosparte die gesamte Züchtung

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Öko-Saatgut hat für die KWS schon lange Bedeutung. Jetzt profitiert das Unternehmen vom politischen Rückenwind. Felix Büchting skizziert die Zukunftsperspektiven.

agrarzeitung: Verstehen Sie sich als Öko-Züchter?
Felix Büchting: Durchaus. Wir stellen dem ökologisch wirtschaftenden Landwirt seit vielen Jahren angepasste Sorten zur Verfügung. Das sind Sorten, die wir speziell für diese Anbauweise entwickeln. Wir haben zwar kein dezidiertes Öko-Zuchtprogramm. Das brauchen wir aber auch garnicht. Denn aus unserer Sicht sind viele Aspekte in der konventionellen und der ökologischen Züchtung die gleichen – wie Ertragsstabilität, Backqualität bei Weizen oder umfangreiche Krankheitsresistenzen.

Und wo liegen die größten Unterschiede?
In der späteren Selektion der Sorten unter Ökobedingungen prüfen wir zusätzlich die Aspekte, die für die ökologische Wirtschaftsweise eine wesentliche Rolle spielen. Dazu gehören eine frühe Jugendentwicklung, eine stärkere Bodenbedeckung oder längere Getreidehalme – also nicht die im konventionellen Anbau gewünschten Kurzstrohsorten. Außerdem brauchen wir im ökologischen Anbau umfangreichere Resistenzen gegen Krankheiten wie beispielsweise den Flugbrand, gegen den in der konventionellen Landwirtschaft gebeizt wird.

In welchen Kulturen ist KWS vertreten?
Wir bieten für den ökologischen Ackerbau die gesamte Palette, in der wir auch konventionell stark sind, also Mais und Zuckerrüben sowie Getreide und Erbsen. Für die Saison 2018/19 vertreibt KWS über alle Kulturen hinweg 34 Öko-selektierte Sorten, aus denen der Landwirt für seinen Standort die passende Sorte wählen kann. Sehr hilfreich ist dabei auch die Wertprüfung des Bundessortenamtes für wichtige Getreidearten sowie die ökologischen Landessortenversuche, die zusätzliche Informationen über die regionale Eignung der Sorten und ihre Leistungsfähigkeit im Wettbewerb bieten. Das bringt die gesamte ökologische Landwirtschaft voran.

Keine Akzeptanz in der Öko-Branche findet die Gentechnik. Wie lässt sich das bei der KWS vereinbaren?
Für uns ist das kein Gegensatz. Wir sehen uns als Partner der Landwirte, denen wir für ihren Betrieb und Standort möglichst gut angepasste Sorten anbieten. Und das sind in Nordamerika nunmal überwiegend gentechnisch veränderte Sorten. In Europa dagegen wird Gentechnik abgelehnt. Diese Unterschiede akzeptieren wir. Wir wollen niemanden bekehren, nicht pro und nicht kontra Gentechnik.

Dennoch werden Gentechnik-Gegner auch weiterhin die KWS kritisieren.
Ich kann immer nur wiederholen, dass wir an einem Gespräch interessiert sind – dazu haben wir Kritiker schon oft eingeladen. Natürlich wissen wir, dass es Standpunkte gibt, die sehr weit voneinander entfernt sind. Aber es ist dennoch wichtig, Argumente auszutauschen. Das nutzt der ganzen Agrarbranche. Ich persönlich bin überzeugt davon, dass die konventionelle Landwirtschaft viel von der Ökolandwirtschaft lernen kann.

Woran denken Sie konkret?
Konventionelle Landwirte stehen aktuell vor der Herausforderung, dass sie mit immer weniger Pflanzenschutzmitteln auskommen müssen. Und in den Öko-Landbauverfahren sind gerade hinsichtlich der Unkrautunterdrückung in den vergangenen Jahren riesige Fortschritte erzielt worden, die auch in der konventionellen Landwirtschaft nutzbar sind. Meine Hypothese ist ohnehin, dass wir Innovationen verstärkt aus der Ökolandwirtschaft erwarten können. Ich erwarte, dass dort immer mehr Technologien entwickelt werden, die auch konventionelle Landwirte nutzen können, um den chemischen Pflanzenschutz weitgehend zurückzufahren.

Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft – kurz BÖLW – fordert mehr staatliche Forschung. Können Sie sich anschließen?
Aus Sicht des BÖLW als Branchenvertretung ist das nachvollziehbar, aber ich teile die Forderung nur sehr bedingt. Natürlich lässt sich, solange ein Markt sehr klein und Wachstum aber politisch erwünscht ist, eine staatliche Unterstützung rechtfertigen. Doch jetzt wächst der Öko-Markt von allein, und es sollte mittel- und langfristig das Ziel sein, dass sich dieser Zweig selbstständig wirtschaftlich trägt.

Wir wollen niemanden zu einer bestimmten Wirtschaftsweise bekehren.

Wie steht es denn bei Ihnen mit der Wirtschaftlichkeit?
Wir haben bei KWS keine dogmatische Trennung zwischen der Züchtung von Sorten für konventionelle und ökologische Anbaumethoden. Unser Antrieb ist es, angepasste Sorten für die verschiedenen Wirtschaftsweisen zu entwickeln. Wir entscheiden erst ab einer bestimmten Stufe im Selektionsprozess, ob die Kreuzung eher zu den Ansprüchen des Öko-Anbaus oder des intensiven Ackerbaus passt. Wenn es eine Öko-Sorte werden könnte, dann prüfen wir weiter unter den Bedingungen des ökologischen Landbaus. Würde man diese Kosten völlig separat betrachten, wäre das Öko-Saatgutgeschäft bei KWS noch nicht ganz profitabel. Aber erstens sind wir auf dem Weg dahin, und zweitens nutzt unser Engagement für Öko-Sorten auch der Entwicklung von konventionellen Sorten, weil dort zunehmend Saatgut für eine ökologisierte Landwirtschaft gefragt wird.

Was verstehen Sie darunter?
Konventionelle Landwirte müssen nicht nur mit weniger Pflanzenschutz zurechtkommen, sondern auch die Herausforderungen der Düngeverordnung meistern. Hinzu kommen Wünsche nach mehr Artenvielfalt auf dem Acker. All das führt zwangsläufig dazu, dass konventionelle und ökologische Bewirtschaftungsweisen sich annähern.

Wäre das eine Chance für mehr Akzeptanz der Landwirtschaft in der Gesellschaft?
Dazu muss wohl noch mehr passieren. Die Distanz zwischen Bevölkerung und Landwirtschaft ist zu groß geworden. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen wieder verstehen, wie Nahrungsmittel produziert werden, aber auch, was die verschiedenen Produktionsweisen bedeuten. Mut macht mir, dass sich Verbraucher zunehmend Gedanken darüber machen, wo ihre Lebensmittel herkommen. Das zeigt auch das wachsende Interesse am regionalen Einkauf.

Welches Leitbild treibt Sie an?
Ich bleibe optimistisch, dass die Gesellschaft sich wieder des Wertes der Landwirtschaft bewusst wird. Und dass die Landwirtschaft als attraktiv wahrgenommen wird. Die KWS als familiengeführtes Unternehmen wird diese Chancen nutzen und angepassten Sorten für eine ökologische, eine ökologisierte und eine konventionelle Landwirtschaft bieten.

Was kann die KWS als familiengeführtes Unternehmen besser als Konzerne?
Es prägt uns, dass wir langfristig denken und nicht der nächste Quartalsbericht unser Handeln bestimmt. Gerade in der Züchtung braucht man einen langen Atem, und den haben wir. Ich persönlich möchte als Mitglied der Familie Büchting – und Teil der siebten Generation – den Charakter des familiengeführten Unternehmens auch im Vorstand wieder deutlich sichtbar machen.

INTERVIEW: DAGMAR BEHME

Zur Person

Dr. Felix Büchting ist seit diesem Jahr Mitglied des KWS-Vorstands und verantwortet dort unter anderem die Sparte Öko-Saatgut. Er hat Agrarbiologie sowie Molekularbiologie studiert und in der Pflanzenzüchtung promoviert. Nach Forschungsprojekten und einem ersten Berufseinstieg bei der KWS wechselte Büchting für ein paar Jahre zum Aromenhersteller Symrise AG, wo er für die Beschaffungsstrategie der Agrarrohstoffe zuständig war. Seit 2016 ist er wieder bei KWS tätig und leitete dort zuletzt die Getreideaktivitäten. Felix Büchting (Jahrgang 1974) ist der Sohn von Andreas J. Büchting, der zu den Anteilseignern der KWS gehört und über Jahrzehnte als Mitglied des Vorstands das Unternehmen mitgestaltet hat. Heute ist Andreas J. Büchting Aufsichtsratsvorsitzender der KWS.

Zum Unternehmen

KWS hat 2017/18 einen Umsatz von 1,1 Mrd. € erzielt. Einschließlich Beteiligungen kommt die KWS-Gruppe auf rund 1,4 Mrd. € und rangiert damit am Weltmarkt für Saatgut mit landwirtschaftlichen Kulturen auf Platz 4 hinter Bayer, Corteva und Syngenta. Seit mehr als 160 Jahren wird KWS als familiengeprägtes Unternehmen eigenständig und unabhängig geführt. Die wichtigsten Kulturen sind Mais, Zuckerrüben, Getreide, Raps und Sonnenblumen. Seit 2002 engagiert sich KWS zudem als Anbieter von Öko-Saatgut. Um geeignete Sorten zu finden, werden sie im unternehmensgeführten Klostergut Wiebrechtshausen selektiert und vermehrt. Die Sparte gewinnt zunehmende Bedeutung. In diesem Jahr hat KWS erstmals zwei seiner Agrarforen speziell zum Thema Ökolandbau angeboten.

Ihr Ansprechpartner

Britta Weiland
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