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Interview

Weizenzüchtung braucht vor allem eines: Balance

BlickPunkt, Sommer 2026

Ertrag sichern, Krankheitsrisiken reduzieren, Qualität halten – das sind drei Konstanten in der Weizenzüchtung. Doch die Rahmenbedingungen verändern sich. Krankheiten treten früher und auch aggressiver auf, Wetterextreme nehmen zu, und der Markt fordert weiterhin Qualität. Wie moderne Weizenzüchtung darauf reagiert, erklärt Züchterin Dr. Nina Pfeiffer im Gespräch.

Nina, wenn man heute über Weizenzüchtung spricht, fällt sehr schnell das Stichwort Klimawandel. Was sind aktuell die wichtigsten Zuchtziele?

Das Hauptziel ist nach wie vor ganz klar der Ertrag – und zwar ein möglichst stabiler Ertrag. Unsere Sorten sollen unter unterschiedlichen Bedingungen zuverlässig Leistung bringen. Dazu gehören Merkmale wie Standfestigkeit und ausreichende Winterhärte. Parallel bearbeiten wir immer auch die anderen Säulen der Zuchtziele: ein ausgewogenes Resistenzprofil und eine Qualität, die marktfähig ist. Am Ende geht es um ein gutes Zusammenspiel dieser Faktoren. Man kann sich Züchtung heute als ein permanentes Austarieren von Zielkonflikten vorstellen.

Du sprichst von einem „Zusammenspiel“. Hat sich die Gewichtung einzelner Merkmale in den letzten Jahren verändert?

Ja, definitiv. Ein gutes Beispiel ist der Braunrost. Der hat heute eine ganz andere Bedeutung als noch vor zehn Jahren. Früher kam er meist spät in der Saison und war oft nicht mehr ertragswirksam. Heute tritt er bei warmen, trockenen Frühjahren deutlich früher auf, kann mehrere Zyklen durchlaufen und hat damit einen viel stärkeren Einfluss auf den Ertrag. Darauf mussten wir unsere Selektion im Zuchtprogramm anpassen und deutlich schärfen. Material, das früher noch akzeptabel war, reicht heute nicht mehr aus.

Gibt es umgekehrt Krankheiten, die an Relevanz verloren haben?

Eigentlich nicht. Krankheiten verschwinden nicht, sie treten nur phasenweise weniger sichtbar auf. Septoria zum Beispiel spielt in manchen Jahren eine geringere Rolle, aber wir können es uns nicht leisten, diese Resistenzen zu vernachlässigen. Mit molekularen Methoden sind wir heute in der Lage, auch in Jahren ohne Befall abzuschätzen, wie sich ein Genotyp unter bestimmten Krankheitsbedingungen verhalten würde. Die Grundabsicherung bleibt deshalb immer bestehen.

Wie sieht die praktische Resistenzprüfung aus?

In den frühen Generationen steht unser junges Material grundsätzlich unbehandelt im Feld. So nehmen wir alle Krankheiten mit, die natürlich auftreten. Zusätzlich arbeiten wir mit gezielten Infektionsstreifen, etwa bei Gelbrost, die wir mit einem aktuellen Rassengemisch vom Julius-Kühn-Institut infizieren. In späteren Stufen folgen Beobachtungsanbauten an verschiedenen Standorten und nach unterschiedlichen Vorfrüchten. So erfassen wir auch die Effekte aus Fruchtfolge und Standort.

Und beim Thema Ährenfusarium?

Das ist eine separate, sehr gezielte Prüfung. Dort halten wir die Bestände zunächst gesund und inokulieren dann gezielt während der Blüte mit einer Sporensuspension. Wichtig ist uns dabei nicht nur, wie stark der Erstbefall ist, sondern auch, wie sich die Krankheit innerhalb der Ähre ausbreitet. Diese Differenzierung ist entscheidend für die spätere Bewertung eines Genotyps.

Welche Rolle spielen neuere Möglichkeiten im Labor und die Digitalisierung?

Eine sehr große. Markergestützte Analysen sind heute Standard. Zusätzlich nutzen wir Zuchtwertschätzungen, bei denen alle Felddaten in sogenannte Trainingspopulationen einfließen. Damit lassen sich Leistungen auch für sehr junges und unbekanntes Material vorhersagen, auch wenn dieses noch nicht im Feld getestet wurde. Ergänzend setzen wir die „Hoch-Durchsatz- Merkmalserfassung“ ein, etwa mit Drohnen, um Bonituren objektiver und vergleichbarer zu machen.

Welche Herausforderungen haben die letzten Jahre besonders geprägt?

Besonders schwierig war das Jahr 2023. Eine sehr nasse Ernte hat zu Auswuchs geführt, viele Parzellen waren nicht mehr verwertbar. Dadurch hat sich das Merkmal Fallzahl wieder stark in den Fokus gerückt. Zusätzlich gab es Materialverluste, weil ganze Bestände ausgewachsen sind. Solche Jahre kosten nicht nur Daten, sondern auch wertvolles Zuchtmaterial.

Auch das Thema Protein wird seit Jahren intensiv diskutiert. Wie bewertest Du die aktuelle Situation?

Protein ist nach wie vor das entscheidende Handelsmerkmal, weil es schnell und einfach messbar ist. Aus züchterischer Sicht ist das unbefriedigend. Wir sind durchaus in der Lage, Sorten zu entwickeln, die mit geringerem Protein sehr gute Backqualitäten erreichen. Solange der Markt aber primär nach Protein bezahlt, haben solche Sorten einen schweren Stand. Dennoch sehen wir eine Entwicklung hin zu A‑Qualitäten mit geringerem Protein, was durch das Streben nach Nachhaltigkeitszielen verstärkt wird.

Ein aktuelles Forschungsprojekt dazu war „Better Wheat“. Worum ging es dabei?

Ziel war es, Qualität breiter zu bewerten und nicht nur am Proteingehalt festzumachen. Mithilfe spektraler Methoden wollten wir weitere Qualitätsparameter vorhersagen. Die Ergebnisse sind vielversprechend, allerdings arbeiten wir hier mit sehr aufwendiger Analytik. Der nächste Schritt wäre, diese Ansätze für die Praxis technisch umsetzbar zu machen.

Abschließend gefragt: Was ist Dir persönlich in der Züchtung am wichtigsten?

Balance. Wenn man ein Merkmal zu stark forciert, verliert man zwangsläufig an anderer Stelle. Ertrag, Qualität und Resistenzen stehen in Konkurrenz. Unser Ziel sind deshalb ausgewogene Genotypen mit einer soliden Grundsicherung. Denn wir wissen heute: Das nächste Jahr kommt immer anders als erwartet.

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Henning Hansen
Henning Hansen
Produktmanager Weizen & Gerste & Erbse
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