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Ausstellung
Signs of Life - Andreas Greiner

Greiners Kunst kann als Stimme der Stimmlosen betrachtet werden: Mikroorganismen, Insekten, Pflanzen, die mit uns ein biologisches System teilen. Er bietet uns vor allem eine Möglichkeit, unsere Haltung gegenüber „unserer Umwelt“ zu überdenken, und das mit einer gewissen Poesie, die sowohl Wörter, Stimmen, Bilder und Lebewesen mobilisiert. Andreas Greiner arbeitet zumeist im Team und interdisziplinär.

Stimme der Stimmlosen

„Aussaat“ ist eine musikalische und visuelle Installation des Künstlers Andreas Greiner und des Komponisten Páll Ragnar Pálsson. Während ein selbstspielendes Klavier, aufgenommen von der Pianistin Tinna Þorsteinsdóttir, die Komposition von Páll zum Gedicht von Ingeborg Bachmann "Sterne im März" aufführt, bewegen sich großformatig auf der Ausstellungswand sequenzielle Aufnahmen eines Rasterelektronenmikroskops (sog. Nanoflugtechnik) durch eine Landschaft aus bakteriellen Minimalzellen, die ein vollständig im Labor synthetisiertes Minimalgenom in sich tragen (JCVI-Syn3.0 bereitgestellt vom John Craig Venter Institute und elektronenrastermikroskopische Aufnahmen per Nanoflugtechnik vom Stefan Diller Scientific Photography Würzburg).

Digitale Vorstellung eines Waldes

Wie hat man sich die zukünftigen Landschaftsbilder vorzustellen, wenn die meisten Organismen abgestorben sind?

Andreas Greiner hat diese Frage mit Künstlicher Intelligenz beantwortet. Für das Mönchehaus Museum hat der Künstler eine mehrteilige Installation konzipiert, in der erstmalig Bilder von Wäldern zu sehen sind, die eine künstliche Intelligenz errechnet hat. Um den PC mit der erforderlichen großen Menge an fotografischen Daten zu füttern, hielt sich der Künstler in verschiedenen Wäldern auf, u.a. dem Hambacher Forst und dem Białowieża-Urwald in Polen, dem letzten Urwald Europas. Diese im 2. Raum der Art Lounge gezeigten errechneten Bilder könnten Erinnerungen an tote Wälder sein. Sie sind die digitale Vorstellung eines Waldes, auf der Grundlage eines Datensatzes von mehreren tausend Bildern. Sie dienen aber nicht nur als memento mori des Lebendigen, als Erinnerung an eine reiche Natur im romantischen Sinn, sondern auch als Ausgangspunkt zu Fragen über unseren Ressourcenverbrauch.

Neben einer Sammlung von 880 Rotbuchensamen - die Anzahl der Bäume, die benötigt werden, um die jährlichen CO2-Emissionen pro Kopf in Deutschland im Jahr 2017 zu kompensieren - sind auch drei von Wachstumslicht angestrahlte Baumsetzlinge in sackartigen Behältern Bestandteil dieser Installation. Die Form der Beutel ist den Behältnissen nachempfunden, die Raumfahrer benutzen, um Salat oder anderes Gemüse während einer Raumfahrt zu züchten. Die hängenden Gebilde spielen aber auch auf utopische Vorstellungen an, andere Planeten zu bepflanzen, wenn die Ressourcen unserer Erde verbraucht sein sollten.

Change the System

Ein prachtvoller Baum, der an romantische Bilder von Casper David Friedrich erinnert. Doch im Hintergrund ist ein riesiger Kohlebagger zu sehen. Die Aufnahme zeigt die Grenze der Rodung im Hambacher Forst. Die Grafiken auf der Fotografie geben den durchschnittlichen Erlektrizitätsbedarf eines Deutschen Bürgers im Jahr 2018 und den der künstlichen Intelligenz wieder, die diese zur Berechnung der Waldbilder benötigt hat.

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Das Foto zeigt eine kleine Hainbuche im Hambacher Forst. Auch dort ist im Hintergrund schemenhaft der Riesenbagger zu erkennen. Unter das Bild schreibt Greiner in einer Art künstlerischem Manifest, inwiefern wir Teil eines widersprüchlichen Öko-Systems sind. Der Text stellt gleichzeitig eine Verbindung zwischen dem Ausstellungsraum und dem Garten des Mönchehaus Museums her. Andreas Greiner hat diese kleine Hainbuche aus dem Hambacher Forst nach Goslar transportiert und vor dem Museumsgebäude in den Skulpturengarten als living sculpture gepflanzt.

Als Teil einer neuen Generation von ökologischen Künstlern zeigt Greiner, dass Kunst Information verdichten und neue Arten von Darstellungen finden kann, die die Betrachter prägen. Anders gesagt, Andreas Greiners Ausstellung ist eine Möglichkeit, die durch die Informationsflut ausgelöste Passivität abzulegen und eine dauerhafte Neugier zu entwickeln. Sie ermöglicht der Vorstellungskraft Zugang zu anderen Wesen und Kosmologien und erlaubt, unsere nahe und ferne Umgebung neu zu denken. (Material: Mönchehaus Museum, Bernard Vienat, Galerie DITTRICH&SCHLECHTRIEM)

Zum Künstler - Andreas Greiner

Andreas Greiner, 1979 geboren in Aachen, lebt und arbeitet in Berlin.

Er arbeitet mit zeitbasierten und lebendigen Skulpturen unter Einbeziehung dynamischer und unkontrollierbarer Variablen. Zu seiner Praxis gehört es, sich mit möglichen Erweiterungen von klassischen Parametern in der Bildhauerei auseinanderzusetzen. Inhaltlich konzentriert er sich auf den Einfluss anthropogener Eingriffe in die Form und Evolution von „Natur“. Er ist Teil der Künstlerkollektive A/A und Das Numen.

Vita

  • 2012 - 2013 Meisterschüler, Prof. Olafur Eliasson
  • 2009 - 2013 Institut für Raumexperimente - Universität der Künste Berlin, Prof. Olafur Eliasson, Prof. Rebecca Horn (Fachklasse Multi Media-Kunst)
  • 2007 - 2008 Universität der Künste Berlin, Grundlehre
  • 2006 - 2007 Hochschule für Bildende Künste Dresden, Prof. Hans Peter Adamski (Gaststudium)
  • 2005 - 2006 Technische Universität Carl Gustav Carus, Dresden (Medizinische Fakultät)
  • 2003 - 2005 Semmelweis University Budapest, Juli 2005: Physikstudium
  • 2000 - 2002 The Florence Academy of Art, Florenz
  • 2000 Academy of Art College, San Francisco

Auszeichnungen

  • 2019 Kaiserring Stipendium (DE)
  • 2016 GASAG Kunstpreis, Berlinische Galerie (DE)
  • 2016 UN Campus Bonn, Kunst am Bau 2. Preis des Bundesamts für Bauwesen, mit Alexandra Spiegel (DE)
  • 2015 IBB Preis für Photographie (DE)
  • 2015 Conlon Music Prize for Disklavier Plus, mit Tyler Friedman (NL)
  • 2014 Neuer Aachener Kunstverein: Preis für junge Kunst (DE)

Life Forms - ein Buch über Andreas Greiners Werke

Welche Formen nimmt künstliches Leben an? Wie greift der Mensch durch synthetische Biologie heute in Wachstumsprozesse ein? Wie gestaltet sich dadurch das Verhältnis von Natur und Kultur? Und welchen Stellenwert nimmt die Kunst im Zeitalter des Anthropozäns ein? Diese Fragen stehen für Andreas Greiner im Zentrum seines Werkes, in dem er die Verhältnisse von Natur / Technik / Kultur / Kunst ethisch sowie sozial-gesellschaftlich und ökologiekritisch hinterfragt.

Das Buch stellt die künstlerischen Arbeiten Andreas Greiners in einen Dialog mit Wissenschaftlern und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen wie Physik, Informatik, Biologie, Musik und Architektur.

  • Herausgegeben wird Life Forms durch Carson Chan (Autor, Architekt und Kurator).
  • Die Gestaltung übernahm Sin-U Ko.
  • Mitgewirkt haben Autoren wie Mareike Vennen, Olivier Zeitoun, Gregory Cartelli, Ryan Roark, Jennifer Schnepf, Ursula Ströbele und Stefan Vicedom.
  • 232 Seiten, Englisch, Softcover, Snoeck Verlag
  • ISBN: 978-3-86442-309-3

Erhältlich im Buchhandel ab 15. April 2020

Ihr Ansprechpartner

Bettina Alex
Bettina Alex
Public Affairs & Arts
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