„Wir benötigen eine stärkere Wertschätzung der Landwirtschaft“

Rolf Sommer vom WWF steht vor einem grünen Baum

Ein Boden mit hohem Humusgehalt ist der Schlüssel für gesunde Pflanzen und hohen Ertrag. Doch er ist auch idealer Kohlenstoffspeicher und trägt zum Klimaschutz bei. Wer Humus aufbaut, soll belohnt werden, meint Rolf Sommer vom WWF. Er ist Experte für Böden und weiß um die Herausforderungen für die Agrarbranche – und was Bauern in Zukunft auf dem Feld ändern müssen.

Herr Dr. Sommer, der Klimawandel stellt die Landwirtschaft vor große Herausforderungen und bedroht bereits heute bäuerliche Existenzen. Wie kann diese Entwicklung aufgehalten werden?

Wir hatten zwei trockene Sommer und wie es aussieht, wird auch dieses Jahr ein sehr trockenes. Der Klimawandel und die Klimakrise sind damit bereits deutlich spürbar. Es gilt für uns alle, diese Krise einzudämmen. Wir müssen das Pariser Klimaabkommen erfüllen und unter dem dort vereinbarten 1,5-Grad-Ziel bleiben. Wir als Gesellschaft müssen schauen, was wir dafür tun müssen. Unternehmen wir nichts, dann wird die Landwirtschaft einer der großen Verlierer dieser Krise sein. Sie ist momentan noch Teil des Problems, aber kann und muss auch Teil der Lösung sein. Fakt ist, sie steht vor mehreren Herausforderungen. Um diese zu meistern, muss sich die Landwirtschaft resilienter aufstellen. Wir müssen umsteuern! Ganz konkret: Die Auswahl von Anbaufrüchten und die Folge von Früchten wird immer wichtiger. Landwirte müssen mehr diversifizieren.

Es ist nicht nur der Klimawandel, der den Druck auf die Landwirtschaft erhöht. Bis 2050 sollen zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Die Ernährungsfrage rückt damit in den Fokus. Wo soll die ganze Nahrung herkommen?

Fast zehn Milliarden Menschen im Jahr 2050 zu ernähren, ist eine wahnsinnige Herausforderung. Doch bin ich sehr zuversichtlich, dass wir das schaffen können. Vor allem bin ich aber zuversichtlich, dass die Länder des globalen Südens es allein schaffen können, sich zu ernähren. Ich habe selbst einige Jahre in Kenia gearbeitet, und die dortige Regierung setzt alles daran, die Ernährungssicherung im Land zu stabilisieren. Was wir allerdings in diesen Ländern benötigen, ist eine nachhaltige Intensivierung der Landwirtschaft.

Kann Deutschland dabei helfen?

Wir müssen ihnen beiseitestehen – mit Know-how und finanziellen Mitteln. Allerdings brauchen tropische Länder eine ganz andere Art der Landbewirtschaftung. Unsere Bewirtschaftung eins zu eins zu übertragen ist nicht sinnvoll. Was wir nicht brauchen, sind subventionierte, billige Lebensmittel, die diese Märkte in den Ländern überschwemmen. Denn das zerstört regionale Märkte und regionale Produktion. Diese Länder müssen ihre Erträge von eineinhalb Tonnen pro Hektar verdreifachen. Und das schaffen sie allein über ein besseres Bodenmanagement und ein besseres Management der Anbaufrüchte.

Mit Blick auf die nötige Produktionssteigerung in den kommenden Jahrzehnten: Was bedeutet das für die Arbeit der Landwirte?

Wir haben in Deutschland bereits eine Versorgung erreicht, die beachtlich ist. Die Bauern machen sehr viel richtig. Doch was könnte man noch verbessern? Ich denke, das Interesse der Landwirte ist sehr groß, mehr darüber zu erfahren, wie Fruchtfolgen diverser gestaltet werden, also mehr Anbaufrüchte und weniger Monokulturen in die Fläche gebracht werden können. Da besteht weiter ein großes Potenzial! Außerdem unabdinglich: das Management und der Aufbau von Humus. Damit wird die Bodenfruchtbarkeit und auch die Resilienz erhöht. Das hat viele Vorteile. Ein fruchtbarer Boden speichert mehr Wasser und kann dann in trockenen Zeiten die Pflanzen besser mit Wasser versorgen.

„Humus speichert enorme Mengen Kohlenstoff. Das ist aktiver Klimaschutz! Und dafür müssen Bauern belohnt werden!“

Als Agrarwissenschaftler werfen sie einen genauen Blick auf die Böden. Wie können Böden nachhaltig verbessert werden?

Im Kern dreht es sich um diese Fragen: Wie viel Ernterückstand belasse ich auf dem Feld? Wie viel Kompost bringe ich aus? Wie viel Stallmist kommt aufs Feld? Wie viel verwurzelte Biomasse verbleibt als organische Substanz im Boden? Das sind alles organische Substanzen, die durch Verwesungsprozesse in Humus umgesetzt werden. Mit dem Humus hängt die nachhaltige Bodenfruchtbarkeit direkt zusammen. Humus sorgt dafür, dass Pflanzen besser Nährstoffe aufnehmen können. Er sorgt dafür, dass der Boden viel mehr Wasser speichern kann.

Aber was bedeutet das konkret für die Arbeit von Landwirten?

Ein Beispiel wäre, in Deutschland etwa die Fruchtfolgen zu erweitern. Wir haben das Problem, dass die Fruchtfolgen viel zu eng sind, also zwei oder drei Glieder in der Anbaufolge. Wir müssen hier diversifizieren und andere Teile in die Fruchtfolge bringen. Ein probates Mittel ist Kleegras, ein Gemisch aus Klee und Gräsern. Es ist dafür bekannt, den Humusgehalt im Boden nachhaltig zu erhöhen. Nun ist aber Kleegras nicht für jeden Bauern ökonomisch attraktiv. Also müssen die politischen Weichen so gestellt werden, dass es sich für Bauern auch ökonomisch lohnt. Kleegras ist ökologisch eine sehr sinnvolle Sache.

Rolf Sommer vom WWF steht vor einem Baum und einem Haus

WWF-Experte Dr. Rolf Sommer setzt sich für eine nachhaltigere Landwirtschaft ein. Im Aufbau von Humus sieht er großes Potenzial, Kohlenstoff zu binden und damit dem Klimawandel zu begegnen.

Was halten Sie dann von einer Belohnung für Landwirte mit besonders humusreichen Böden?

Ich bin sehr dafür, dass Bauern dafür belohnt werden, wenn sie sich mit ihren ackerbaulichen Maßnahmen dafür einsetzen, dass das passiert. Warum? Humus speichert enorme Mengen Kohlenstoff. Dieser wird dabei der Atmosphäre entzogen. Das ist aktiver Klimaschutz! Und dafür müssen Bauern belohnt werden. Jeder andere Sektor wird schließlich auch dafür belohnt, wenn er etwas fürs Klima tut. Warum nicht auch die Bauern? Wir müssen uns deswegen dafür einsetzen, dass die Politik Weichen stellt, dass sie dafür belohnt werden. Der WWF ist der Ansicht, dass Direktzahlungen über die EU-Subventionen für die Landwirtschaft davon abhängig gemacht werden sollen, ob Landwirte Humus aufbauen oder nicht.

Sogenannte Humuszertifikate sind eine Chance für das Klima. Wo sehen Sie weiteren Handlungsbedarf für eine klimaschonende Landwirtschaft?

Bodenverdichtung ist ein drängendes Problem. Verdichtete Böden neigen dazu, dass sich bei Starkniederschlägen Wasser auf dem Boden staut und nicht versickern kann. Dieses gestaute Wasser fließt ab und erzeugt Erosion. Das heißt: Boden geht über das Abschwemmen des Regenwassers verloren. Um das zu verhindern, ist zum einen die sehr gute Auswahl des Zeitpunkts nötig: Wann befahre ich die Fläche – vor allem dann, wenn ich sehr schwere Maschinen im Einsatz habe? Außerdem kann ich versuchen, durch eine reduzierte, bodenschonendere Landwirtschaft, die sogenannte konservierende Bodenbearbeitung, Verdichtung zu vermeiden und langfristig auch zu vermindern. Weniger pflügen und eggen wären eine Option. Oder eben darauf ganz zu verzichten.

„Landwirte müssen dafür bezahlt werden, dass sie gute Lebensmittel herstellen, ohne dabei die Umwelt zu belasten.“

Beim Thema Bodengesundheit steht die Düngung in der Kritik. Welche Schwierigkeiten und welche Verantwortung sehen Sie?

Die Baustellen dabei sind Stickstoff und Phosphat, zwei Nährstoffe, die Pflanzen brauchen. Beim Stickstoff haben wir aber das große Problem, dass wir momentan eine Landwirtschaft betreiben, in der viel mehr Stickstoff auf die Fläche gebracht wird, als die Pflanzen eigentlich benötigen. Man spricht von Stickstoffüberschüssen. Was passiert mit dem überschüssigen Stickstoff? Der endet im Grundwasser als Nitrat oder geht als Lachgas verloren, ein sehr klimaschädliches Gas. Diese Baustellen müssen dringend angegangen werden.

Wie lassen sich Stickstoffüberschüsse vermeiden?

Wir müssen etwa über die Pflanzenzüchtung hin zu Sorten und Anbausystemen, bei denen wir die Aufnahme des Düngers beträchtlich steigern. Wir sind momentan in der Situation, in der mindestens fünfzig Prozent des ausgebrachten Stickstoffs von der Pflanze nicht aufgenommen werden. Das muss sich ändern, da müssen wir ganz neue Wege einschlagen. Da ist die Pflanzenzüchtung gefordert.

Neben einer höheren Aufnahmekapazität, zu welchen Pflanzeneigenschaften sollte die Züchtung forschen?

Die Klimakrise und die zukünftige Ernährungssicherung stellen die Pflanzenzüchtung vor enorme Herausforderungen. Wenn der Klimawandel auch nur in verminderter Form kommt, wie das jetzt prognostiziert wird, werden wir mit einigen Problemen zu kämpfen haben. Die klassische Pflanzenzüchtung – also die Resistenzzüchtung gegen Krankheiten und Schädlinge – bleibt ja nach wie vor bestehen. Das muss sie sogar. Sie steht vor einer Jahrhundertaufgabe. Mit Blick auf die Klimakrise und die Ernährungssicherheit würde ich sagen: Die Züchtung hin zu trockentoleranten Sorten und zu Sorten, die auch unter widrigen Umständen Nährstoffe besser aufnehmen können, wird noch einmal eine viel gewichtigere Rolle spielen, als wir das im Moment sehen.

  • Zur Person: Dr. Rolf Sommer

    Rolf Sommer leitet den Fachbereich Landwirtschaft und Landnutzungswandel beim WWF (World Wide Fund For Nature), einer der größten Naturschutzorganisationen weltweit. Sommer ist promovierter Agrarwissenschaftler, Biologe und beschäftigt sich seit zwei Jahrzehnten mit nachhaltiger Landwirtschaft und Bodenfruchtbarkeit. Zeitweise hat er in Afrika, Asien und Lateinamerika im Rahmen internationaler Projekte gearbeitet und unter anderem zum Thema Kohlenstoffspeicherung in Böden veröffentlicht.
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Die Landwirtschaft steht häufig allein in der öffentlichen Kritik, obwohl sie die Ernährung der Menschen sicherstellt. Wie können Gesellschaft und Politik den Bauern entgegenkommen?

Wir benötigen eine viel stärkere Wertschätzung der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion in Deutschland. Gute Lebensmittel müssen ihren Preis haben. Landwirte müssen dafür bezahlt werden, dass sie diese guten Lebensmittel herstellen, ohne dabei die Umwelt zu belasten. Das Verramschen von Lebensmitteln muss aufhören. Natürlich hat es der Konsument an der Kasse in der Hand, welche Lebensmittel er kauft. Aber das ist nur ein Teil der Lösung.

Woran denken Sie noch?

Wir brauchen politische Lösungen. Für gute Lebensmittel und für gute fachliche Praxis auf der Fläche müssen auch faire Preise bezahlt werden. Letztlich müssen wir uns als Gesellschaft die Frage stellen, welche Art von Landwirtschaft wollen wir? Welchen Preis wollen wir für Nahrungsmittel bezahlen? Wenn wir mehr Umweltschutz in der Landwirtschaft wollen, dann brauchen wir eine echte Transformation. Das ist möglich. Die Lösung haben wir! Gesellschaft, Politik und Landwirtschaft können und müssen an einem Strang ziehen – und dann können wir das gemeinsam schaffen.

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