Schweinefütterung: Mehr Roggen in die Futtertröge

Interview mit Dr. Thomas Glindemann, HANSA Landhandel

Roggen in der Schweinefütterung

Foto: HANSA

04.09.2019

Dank neuester Forschungsergebnisse erlebt Roggen gerade eine Renaissance im Schweinefutter. Das war nicht immer so. HANSA Landhandel setzt schon seit längerem auf Roggen – mit guten Ergebnissen. Warum HANSA hier Vorreiter ist und wo die Vorteile dieses Getreides liegen erklärt Dr. Thomas Glindemann. Er ist verantwortlich für die Mischfutter des HANSA Landhandels.

Herr Dr. Glindemann, HANSA Landhandel setzt vergleichsweise viel Roggen im Schweinefutter ein. Warum?

Das hat in erster Linie damit zu tun, dass wir den Großteil unseres Getreides in der Geest erfassen, wo der Roggen gegenüber anderen Getreidearten dominiert. Da die Geestböden ein geringes Wasserhaltevermögen haben, ist der Roggen vor allem aufgrund seines geringen Wasserbedarfs hier vorzüglich gegenüber anderen Getreidearten. Der in der hiesigen Landwirtschaft erfasste Roggen wird bei uns über das Mischfutter mit dem Schwerpunkt Schweinefutter wieder vermarktet. Insofern sorgen wir auch für gute Wertschöpfung des Roggenanbaus hier in der Region.

Wie viel Prozent Roggen setzen Sie im Futter ein?

Standardmäßig setzen wir Roggen im Schweinemastfutter ein. In der Vormast gehen wir bis 15, maximal 20 % Roggen, und in der Mittel- bis Endmast dürfen es gerne 28 % Roggen sein. Wichtig ist, dass man die Roggenanteile langsam steigert und das Futter jeweils zu Beginn verschneidet, damit die Tiere den Roggen gut annehmen, denn der Geschmack ist anfangs ungewohnt. Abrupte Wechsel beim Futter sind zu vermeiden. Schaut man sich die selbstmischenden Betriebe in den Roggenregionen an, dann sehen wir Anteile des Roggens im Mastfutter bis 70 %. Dies zeigt deutlich, dass man mit Roggen Schweine füttern kann. In einigen Futterschienen setzen wir sogar gezielt auf beständig hohe Roggenanteile im Schweinemastfutter. Dies gilt für unsere „Duroc-Mastfutter“ und unsere „Acid-Mastfutter“ gegen Salmonellen.

Welche Rückmeldungen bekommen Sie über die höheren Roggenanteile?

Bisher nur sehr gute. Roggen hat sehr gute Eigenschaften als Futtergetreide. So steht der Roggen zum Beispiel hinsichtlich des Anteils bakteriell fermentierbarer Substanz der Gerste kaum nach. Die fermentierbare Substanz besteht aus den Nährstoffen, die der Darm nicht enzymatisch abbauen kann. Sie werden bakteriell abgebaut. Dadurch entstehen kurzkettige Fettsäuren, die positive Wirkungen für den Verdauungstrakt und die Darmflora haben. Besonders positiv beim Roggen ist dabei der recht hohe Anteil an Fruktanen. Bei deren Fermentation im Darm fällt vor allem Buttersäure an, welche eine sehr gute Wirkung auf die Gesundheit der Darmschleimhaut hat. Eine weitere positive Eigenschaft des Roggens ist die gegenüber etwa Weizen weniger steile, aber dafür länger anhaltende Steigerung des Blutzuckerspiegels. Dadurch sind die Tiere länger satt und zufrieden. Dies ist eine Eigenschaft, wie wir sie uns bei Schweinen mit einer hohen Futteraufnahme wünschen, wie zum Beispiel Duroc-Herkünften. Weiter macht Roggen den Verdauungsbrei zäher. Dadurch steigt die Verweildauer des Futters im Verdauungstrakt. Ein Vorteil vor allem bei Tieren mit hoher Futteraufnahme, besonders in Hinsicht auf die Futterverwertung.

Studien berichten von einer Verminderung des Ebergeruchs durch Roggenfütterung. Ist da etwas dran?

Ja. Durch eine gute Verdauung aufgrund der bereits erwähnten höheren Anflutung von Buttersäure bleibt die Darmschleimhaut gesünder und hat weniger Abschilferungen. Das senkt den Ebergeruch, denn aus den Abschilferungen der Darmschleimhaut entsteht Tryptophan, welches zu Skatol umgewandelt wird, dem typischen Ebergeruch.

Gibt es noch mehr positive Eigenschaften beim Roggen?

Roggen kann hinsichtlich des Gehalts an essentiellen Aminosäuren mit dem Weizen mithalten, obwohl der Gehalt an Rohprotein deutlich niedriger ist. Da wir uns heute in der Schweinefütterung immer mehr mit einer Rohproteinabsenkung im Rahmen der Stickstoff- und Phosphor-reduzierten Fütterung beschäftigen müssen, ist der Nachteil des Roggens in der Preiswürdigkeit durch den geringeren Rohproteingehalt heute nicht mehr so hoch bzw. gar nicht vorhanden, da ich einige stark stickstoffreduzierte Futter besser mit dem Roggen hinbekomme.

Außerdem hat Roggen hohe Gehalte nativer Phytase, was die Verdaulichkeit des pflanzlichen Phytin-Phosphors verbessert. Das ist für die Einhaltung der neuen Düngeverordnung sehr wichtig, denn so kann mehr Phosphor aus der Ration verwertet werden. Die Phytaseaktivität von Roggen mit ca. 4000 Units/kg ist mehr als doppelt so hoch wie die von Weizen mit ca. 1850 Units/kg. Wir geben aber dennoch zusätzliche Phytase ins Futter, da Roggenphytase nicht pressstabil ist. In Mehlfuttern könnten wir die zusätzliche Phytase aber weglassen.

Roggen gegen Salmonellen – wie sind Ihre Erfahrungen?

Die bereits erwähnte Buttersäure, welche durch die Fermentation der Fruktane aus dem Roggen vermehrt anfällt, hat eine sehr gute Wirkung gegen Salmonellen. In unseren sogenannten „Acid-Mastfuttern“ nutzen wir diese vermehrte Anflutung von Buttersäure im Darm verstärkt noch durch den Zusatz eines Buttersäureproduktes aus. Dadurch drängen wir unerwünschte Keime wie zum Beispiel die Salmonellen im Darm zurück. Erwünschte Keime haben es dadurch leichter, sich durchzusetzen. Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Roggen leistet hier einen wichtigen Beitrag.

Wie beurteilen Sie die Mutterkornproblematik?

Richtig ist, dass früher mit Roggen tatsächlich verstärkt die Gefahr der Verfütterung von Mutterkorn verbunden war, weshalb der Roggen nur in geringen Mengen eingesetzt wurde. Mutterkorn enthält Toxine, die sich negativ auf die Sauenfruchtbarkeit auswirken können. Doch neueste Züchtungen z. B. mit dem POLLENPLUS®-Züchtungssystem sind nur noch wenig anfällig für Mutterkorn. Sie produzieren mehr Pollen, die die Narbe bestäuben, so kann sich der Pilz dort nicht festsetzen. Wir analysieren den angelieferten Roggen natürlich auf Mutterkorn und bei nur geringsten Zweifeln an der Qualität nutzen wir ihn nicht als Futter sondern für die Biogasanlage. Demgegenüber haben wir bei Weizen immer das Problem mit den Fusarientoxinen. Mehr Roggen in der Ration vermindert das Risiko der Fusarienkontamination, das ist speziell für Biobetriebe interessant, die nicht so viel Pflanzenschutz betreiben dürfen.

Setzen Sie Roggen auch bei Sauen und weiteren Tierarten ein?

Als Standardfutter für Sauen und Ferkel nutzen wir Roggen bisher nicht. Mit einer Ausnahme: bei Duroc-Ferkeln, die eine sehr hohe Futteraufnahme haben, setzen wir zwischen 5 bis 13 % Roggen im Futter ein bei 15 bis 30 kg schweren Ferkeln. Durch die Eigenschaften des Roggens wird die Kotkonsistenz besser und die Tiere sind zufrieden und lange satt. Beim Milchvieh hat Roggen den Ruf, über die Stärke den Pansen schneller anzusäuern, was bei rohproteinreichen Silagen günstig sein kann. Es ist aber immer eine Rationsberechnung notwendig.

Wohin geht die Reise bei Roggen im Futter?

Roggen hat durch seine positiven Eigenschaften viel Potenzial. Gerade im Bereich Tierwohl kann er wertvolle Beiträge leisten. Ich hoffe, dass die Vorbehalte gegenüber dem Roggen in der Fütterung an sich verschwinden und die Vorteile erkannt werden. Letztlich existieren diese Vorbehalte eher in den Köpfen einiger Schweinehalter, weniger bei den Schweinen an sich – eine gute fachliche Praxis im Einsatz des Roggens vorausgesetzt. Da HANSA schon seit langem viel Roggen im Futter einsetzt, begrüßen wir die neuen Erkenntnisse und die Diskussion rund um den Roggen in der Schweinefütterung. Aber ein Standardmastfutter ist immer auch preisorientiert, und die Akzeptanz der Inhaltstoffe ist eben preisabhängig. Der Markt für Roggen ist auf jeden Fall da, und damit er für uns erschwinglich bleibt, kann der Anbau gerne ausgeweitet werden. Regionen mit leichteren Böden und hoher Schweinedichte können vom Roggen definitiv profitieren.

Dr. Glindemann, vielen Dank für das Gespräch!

  • Roggen hat durch seine positiven Eigenschaften viel Potenzial. Gerade im Bereich Tierwohl kann er wertvolle Beiträge leisten.

    Dr. Thomas Glindemann, HANSA Landhandel
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HANSA Landhandel: Verlässlicher Partner der Landwirte

Das Unternehmen HANSA Landhandel GmbH & Co. KG wurde am 1. Januar 1973 gegründet. Sechs ehemals selbständige Landhandelsfirmen aus der Region rund um Zeven fanden sich in dem neuen Unternehmen HANSA Landhandel GmbH & Co. KG wieder. Heute betreibt HANSA in Bremen und Osterheeslingen Werke für die Herstellung von Tiernahrung. Jährlich produziert HANSA 460.000 t Mischfutter. Das Lieferprogramm bedient die gesamte Palette an Mischfutter für die Rindermast, Milcherzeugung und die Schweineaufzucht. Die Entwicklung von Rezepturen erfolgt durch Spezialisten in der Zentrale in Heeslingen. Zusätzlich steht den Kunden bei Fütterungsfragen und -problemen die Fachabteilung Wissenschaft und Spezialberater jederzeit sachkundig zur Verfügung.

Kontakt

Dr. Thomas Glindemann ist seit 2010 beim HANSA Landhandel tätig. Er hat an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Agrarwissenschaften mit dem Schwerpunkt Nutztierwissenschaften studiert und promovierte ebenfalls in Kiel im Institut für Tierernährung und Stoffwechselphysiologie.
T.Glindemann@remove-this.hansa-landhandel.de