Carbon farming

Das Klima schützen und den Boden gut machen

Thomas Gaul, Freier Journalist

09.07.2020

Landwirtschaftlich genutzte Böden sind mehr als nur „Produktionsgrundlage“ für Pflanzen.
Neben der beeindruckenden Vielfalt des Bodenlebens haben sie noch eine weitere Eigenschaft, die sie wertvoll macht: Sie haben das Potenzial, Kohlenstoff aus der Atmosphäre zu binden und so einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Mit der Bindung von Kohlenstoff wird zudem Humus aufgebaut und so die Bodenfruchtbarkeit erhalten oder sogar gesteigert. Mit einer angepassten Bewirtschaftung könnten Landwirte nicht nur ihre Erträge verbessern, sondern künftig auch für ihre Leistung zum Klimaschutz bezahlt werden.

Der Boden als Klimaretter

„Der Boden wird uns retten“, ist der amerikanische Dokumentarfilmer Josh Tickell überzeugt: „Aber erst müssen wir den Boden retten.“ Zusammen mit einem Freund, dem Unternehmer Ryland Engelhart, hat Tickell die gemeinnützige Organisation „Kiss The Ground“ im kalifornischen Venice gegründet. Ihr Ziel ist es, die „regenerative“ Landwirtschaft voranzutreiben. Auch in Deutschland interessieren sich mehr Landwirte dafür, diese Form des Landbaus zu betreiben.
Dabei handelt es sich gar nicht um eine revolutionäre Neuerung. Das Prinzip ist vielmehr uralt: Dem Boden Kohlenstoff zuführen, um Humus aufzubauen. Denn im Boden ist Kohlenstoff nützlich. „Kohlenstoff ist der grundlegendste und wichtigste Baustein des Lebens“, sagt Tickell. „Wo Kohlenstoff im Boden ist, ist Wasser. Und wo wir Kohlenstoff und Wasser finden, finden wir Nahrung.“ Er ist überzeugt: „Wenn wir Kohlenstoff im Boden binden, können wir das CO2 aus der Atmosphäre zurückholen.“ Denn erst in der Atmosphäre reagiert der Kohlenstoff mit Sauerstoff und bildet CO2.
In den letzten Jahren stieg die CO2-Konzentration schneller an als jemals zuvor seit Beginn der Landwirtschaft. 850 Gigatonnen CO2 hat die Menschheit laut der Ohio State Universität seit Anbeginn der Landwirtschaft in die Atmosphäre geblasen, aber das allermeiste davon in den letzten Jahrzehnten.
Tendenz stetig steigend – wegen der Zunahme des Straßenverkehrs, durch die Emissionen von Kraftwerken und Industrie, aber auch durch die Landwirtschaft selbst. Bedeutendste Quelle sind hier die Ammoniakemissionen aus der Tierhaltung und die Emission von Lachgas durch die mineralische Düngung. Aber auch unbewachsene Böden entlassen mehr Kohlenstoff in die Atmosphäre. Erosion durch Wind und Wasser führt zum Verlust des nährstoffreichen Oberbodens. Wie die Ergebnisse aus Exakt- und Dauerversuchen zeigen, gehen jährlich 0,2 Prozent Kohlenstoff aus der Ackerkrume verloren. Dabei kommt es entscheidend darauf an, wie das Land genutzt wird.

Den Kohlenstoff-Kreislauf schließen

Um den natürlichen Kohlenstoff zurückzubringen, braucht es keine komplizierten Apparate. Die Natur selbst hat den effizientesten Kreislauf geschaffen. Pflanzen zerlegen im Prozess der Photosynthese das CO2 in seine Bestandteile und binden mit dem Aufbau von Blättern und Wurzelmasse Kohlenstoff. Der Vorgang der Speicherung im Boden wird „Sequestrierung“ genannt. „Wenn wir den Kohlenstoff im Boden jedes Jahr um 0,4 Prozent erhöhen, binden wir dort sechs Gigatonnen CO2“, erläutert der frühere französische Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll. „Das kompensiert für die 4,3 Gigatonnen Kohlendioxid, die der Mensch jedes Jahr in die Luft bläst und lässt noch Spielraum für das natürliche CO2, das Pflanzen ausstoßen.“ Einen positiven Nebeneffekt laut Le Foll: „Die Erde wird nährstoffreicher und fruchtbarer, damit sichern wir die landwirtschaftliche Produktion, um die Weltbevölkerung zu ernähren.“ Ein gesundes Bodenleben fördert die Versorgung der Kulturpflanzen mit Wasser und Nährstoffen und steigert so auch die Widerstandskraft der Pflanzen gegen Pilz- und Insektenbefall. Der Humus verbessert außerdem die Infiltration und Speicherung von Regenwasser und trägt dazu bei, dass sich die Ackerflächen nach Regenfällen eher wieder befahren lassen.

Von der Kohlenstoffbindung zu neuen CO2-Zertifikaten

Vereinfacht gesagt, orientiert sich die Honorierung für die Kohlenstoffspeicherung im Boden am messbaren Humusaufbau über einen bestimmten Zeitraum. Wenn es gelingt, den Humusgehalt im Boden beispielsweise um 0,2 Prozent je ha zu erhöhen, lassen sich so 10 t CO2 speichern. Die Bezahlung orientiert sich in den meisten Projekten am CO2-Preis, der allerdings schwankt. Werden den Landwirten 30 Euro je Tonne CO2 ausgezahlt, kommen für den Hektar 300 Euro zusammen.

Der Anbau von Pflanzen ist demnach ein ökologisch und ökonomisch sinnvoller Weg, CO2 aus der Atmosphäre zu entziehen. Wissenschaftler halten das »Carbon Farming« für wesentlich sinnvoller als etwa Pläne, CO2 im Untergrund zu vergraben. „Das brächte einigen Industriezweigen Profit, ist aber Unsinn. Es gibt nichts Besseres zur Reduktion von CO2 als Pflanzen“, sagt Klaus Becker, Agrarwissenschaftler an der Uni Hohenheim. In Amerika, Australien, einigen afrikanischen und europäischen Ländern, wird »Carbon Farming« intensiv diskutiert, in Deutschland steht die Idee erst am Anfang. Auch deshalb, weil unser Land ein Flächenproblem hat - es gibt nicht genügend Land, um im großen Stil wieder aufzuforsten.
Aber das ist auch gar nicht erforderlich. Es gibt mit Landnutzungskonzepten wie der „regenerativen“ Landwirtschaft intelligente Ansätze zur Lösung des Problems. Dazu werden Fruchtfolgen ausgeweitet, was die Vielfalt steigert und den Ertrag der angebauten Kulturpflanzen stabilisiert. Die Bodenbearbeitung wird an das Wasser- und Nährstoffangebot angepasst. Der Boden wird möglichst wenig und schonend bearbeitet, die Aussaat erfolgt meist in Mulch- oder Direktsaat. Ziel ist, mit dem Anbau von Zwischenfrüchten – auch zwischen den Getreidegliedern einer Fruchtfolge – eine möglichst ganzjährige Pflanzendecke zu haben. Auch mit dem Anbau von Untersaaten und mehrjährigem Feldfutterbau lassen sich ein Humusaufbau und damit eine Kohlenstoffspeicherung erreichen. Dies muss jedoch kontinuierlich erfolgen. Denn Boden ist ein dynamisches System und der Kohlenstoff lässt sich nicht auf Dauer speichern, da er durch natürliche Prozesse abgebaut wird. So hängt der Gehalt an Dauerhumus von der Bodenart und den herrschenden Temperaturen ab.

Finanzierung mit Zertifikaten

Allerdings stellt sich für die Landwirte auch die Frage der Finanzierung. Erste Ansätze gibt es bereits, die Kohlenstoffspeicherung in landwirtschaftlich genutzten Böden im Rahmen eines Geschäftsmodells zu vergüten. Auf der Basis von leicht verfügbaren betrieblichen Daten und Bodenanalysen zum Humusaufbau innerhalb eines Zeitraums wird mit Modellen die Kohlenstoffspeicherung berechnet und von unabhängigen Unternehmen zertifiziert. Die ausgestellten CO2-Zertifikate werden an Unternehmen verkauft, die so ihr Engagement für die Umwelt dokumentieren wollen. Das sind in erster Linie Lebensmittelhersteller, die klimaneutrale Produkte anbieten wollen, aber auch nichtstaatliche Organisationen und
Einzelpersonen. Auf regionaler Ebene können die Landwirte ihre Zertifikate auch direkt vermarkten. Damit die Kohlenstoffbindungsleistung nicht mehrmals verkauft werden kann, werden die verkauften Zertifikate registriert. Der Umstieg auf humusfördernde Bewirtschaftungsweisen könnte sich durch die Ertragssteigerung aber auch ohne Zuschüsse lohnen. Deshalb wird diese Form der nachhaltigen Bewirtschaftung ja schon von Landwirten praktiziert. Denkbar erscheint auch, dass im Rahmen der Neuorientierung der GAP der Umstieg auf humusaufbauende Maßnahmen honoriert wird, anstelle des schwerer messbaren Ergebnisses, des Humusgehalts.

Kurz gefasst

Unter Carbon Farming versteht man das Management von Kohlenstoffpools und -strömen auf der landwirtschaftlichen Betriebsebene mit dem Ziel, die Klimakrise zu entschärfen.

Ergebnisorientierte Klimaschutz-Maßnahmen erfordern, dass ein direkter und expliziter Zusammenhang zwischen den Ergebnissen (z. B. vermiedene Treibhausgasemissionen oder CO2-Sequestrierung) und den Zahlungen an die Landwirte hergestellt wird.

Diese Maßnahmen können die Landwirte motivieren, klimafreundliche Maßnahmen zu ergreifen.

Thomas Gaul, freier Journalist

Thomas Gaul, Freier Journalist

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Dr. Malte Finck
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Leiter Marketing Getreide Deutschland
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