Ramularia – die wichtigste Krankheit der Gerste

Roggenbrot

05.04.2019

Auch in der Gerste wird das Krankheitsgeschehen maßgeblich von der Witterung bestimmt, sodass der jährliche Befallsdruck variiert. Dabei verhindert die gute Krankheitstoleranz vieler Gerstensorten einen massiven Befallsdruck, sodass auch in „kranken Jahren“ bis dato noch eine gute Kontrolle der Krankheiten gelingt. Allerdings hat sich im Laufe der letzten 20 Jahre das Spektrum bei den Krankheiten verändert.

Krankheiten in der Gerste

Rhynchosporium findet im oft trockenen Frühjahr keine idealen Infektionsmöglichkeiten, stärkerer Befall beschränkt sich auf wenige Einzelschläge, meistens in Höhenlagen. Auch die Anfälligkeit der Sorten gegen Mehltau ist geringer geworden. Jetzt im Frühjahr 2019 findet man aber in fast allen Beständen ausreichend Ausgangsbefall, der sich bei warmer Witterung im November mit hoher Stickstoffmineralisation optimal entwickeln konnte. Netzflecken gehören zu den gefährlichsten Krankheiten mit hohen Ertragsverlusten bei starkem Befall. Eine Ausbreitung im Frühjahr kann in kurzer Zeit durch einen sehr schnellen Epidemieverlauf (drei Generationen innerhalb von drei Wochen) stattfinden. Momentan sind aber fast keine extrem anfälligen Sorten (Ausnahme Pixel) im Anbau. LOMERIT, Pelican, KWS TENOR und Wootan sind die zurzeit anfälligeren Sorten. In den letzten Jahren ist verbreitet auch in Norddeutschland nur wenig Netzfleckenbefall vorgekommen. Zwergrost hat in den letzten Jahren zugenommen. Dieser ist aber sicher mit vielen Fungiziden zu kontrollieren.

Die momentan wichtigste Krankheit in Winter- und Sommergerste ist Ramularia. Mittlerweile tritt die Krankheit weit verbreitet auf, sicherlich immer noch mit den höchsten Ertragsverlusten in Süddeutschland. Seit mindestens 10 Jahren ist Ramularia aber auch in NRW, immer wiederkehrend mit z. T. hohen Ertragsverlusten (in 2014 bis an 20 dt/ha), die wichtigste Gerstenkrankheit. Auch in Ostdeutschland ist Ramulariabefall keine Seltenheit und erfordert zumindest in Einzeljahren gezielte Kontrollmaßnahmen.

Biologie und Verbreitung

Zur Biologie und auch Verbreitung gibt es immer noch offene Fragen. Sicher weiß man heute, dass eine weite Verbreitung von Ramularia über befallenes Saatgut stattfindet. In der frühen Wachstumsphase wächst der Pilz mehr oder weniger unsichtbar in der Pflanze, auch ohne diese zu schädigen. Selten findet man im Herbst und/oder Frühjahr auf alten Blättern an der Blattunterseite Konidiosporen mit dem typischen Schwanenhals. Im Frühjahr und Frühsommer begünstigen lange Blattnässephasen mit hoher Einstrahlung die Verbreitung über Konidiosporen und eine Ausbreitung in der Pflanze. Zumindest sind typische Befallsjahre durch beschriebene Wetterkonstellationen geprägt. Auf Böden mit sehr guter Kapillarität ist in der Regel der Befall höher, bedingt durch eine intensivere Taubildung als auf Sandböden. Mit zunehmender Seneszenz der Bestände treten in Starkbefallsjahren erste Symptome ab EC 39 auf. Ramularia tritt immer zuerst an lichtexponierten Blättern auf. Bei feuchter Witterung produziert der Pilz dann auf der Blattunterseite große Mengen an Sporen. Mit dem Sichtbar werden der Symptome setzt die Zerstörung des Blattapparates ein. Die Nekrotisierung wird vorzüglich durch das Phototoxin Rubellin verursacht. Dieses wird vom Pilz produziert und durch Licht aktiviert. Damit erklärt sich auch die Besonderheit, dass zunächst die oberen Blätter zerstört werden.

Gegenmaßnahmen

Je früher der Befall auftritt, umso höher sind die Ertragsverluste. In solchen Jahren kann ein mit Fungiziden gesund gehaltener Bestand fast 14 Tage länger produzieren bzw. Inhaltstoffe ins Korn umlagern, um bis zu 3 t/ha an Mehrertrag zu realisieren. Bei Starkbefall sind auch die Grannen und auch die Körner sichtbar mit Ramularia befallen.

Eine integrierte Kontrolle von Ramularia ist schwierig. Unterschiedliche Saattermine und die Intensität der Düngung zeigen wenig Einfluss auf den Befall. Grundsätzlich sind auch keine gravierenden Sortenunterschiede bekannt. Frühe Sorten scheinen oft anfälliger, weil Ramularia hier früher auftritt. Maßgeblich bestimmt aber die Alterung der Pflanze den Befallsausbruch. Eine leicht höhere Anfälligkeit kann man eventuell bei den zweizeiligen Sorten beobachten. Letztendlich wird der Befall durch die jahresspezifische Witterung bestimmt. Die in den letzten Jahren (in NRW seit 13 Jahren) vermehrt auftretende sonnige und trockene Frühjahrswitterung mit oft intensiven Tauphasen hat die Ausbreitung der Krankheit begünstigt.

Aktuelle Bekämpfungsstrategien

Mit Kombinationen aus Carboxamidfungiziden plus Prothioconazol sind heute nur noch Nebenwirkungen, oft um 50 % Wirkung möglich. Hiermit kann Ramularia nur noch in Regionen mit geringem Befall ausreichend kontrolliert werden.

Nur Chlorthalonil, im Amistar Opti oder Zakeo Opti enthalten, ist dauerhaft wirksam. Die nachlassende Wirkung von Aviator Xpro auf Netzflecken und insbesondere auf Ramularia ist in Versuchen deutlich geworden. Credo mit dem Wirkstoff Chlorthalonil erreicht auch nur knapp 60 % Wirkung gegen Ramularia, was aber nicht auf eine Resistenz beruht. Mit besserer Formulierung durch die Zumischung von z. B. Aviator Xpro oder Input Classic wird die Wirkung auf über 90 % gesteigert.

Auch für Chlorthalonil steht zum Herbst 2019 eine Neubewertung auf europäischer Ebene an. Momentan ist die Wiederzulassung aber sehr unsicher. Dementsprechend haben wir in unseren Fungizidversuchen nach alternativen Lösungen zur Kontrolle von Ramularia gesucht.

Bei 41 % Ramulariabefall in drei Versuchen zeigte Folpan SC und Kumulus (Netzschwefel) im Vergleich zu Amistar Opti eine ansprechende Wirkung gegen Ramularia. Folpan ist im Getreide nicht zugelassen. Inwieweit zukünftig mit Schwefel gegen Ramularia gearbeitet werden kann, muss noch in weiteren Versuchen abgeklärt werden. Auch die Mischbarkeit von Schwefel muss noch genauer überprüft werden. Eine dauerhafte sichere Kontrolle von Ramularia gelingt nachhaltig nur mit dem Wirkstoff Chlorthalonil.

Ausblick

Grundsätzlich muss die Kontrolle von Ramularia ganzheitlich im Verbund mit den anderen Gerstenkrankheiten betrachtet werden. Gegen Netzflecken ist die Resistenzsituation ähnlich kritisch wie gegen Ramularia. Carboxamide zeigen nur noch Nebenwirkungen. Bei den Strobilurinen kann von Pyraclostrobin mit hohen Dosen > 125 g/ha eine sehr gute, von Asoxystrobin fast keine Wirkung mehr erwartet werden. Prothioconazol und Cyprodinil stellen die Basis zur Kontrolle von Netzflecken. Deshalb empfehlen wir einen konsequenten Wirkstoffwechsel, wenn Doppelbehandlungen anstehen.

In der Grafik sind Empfehlungen zur Kontrolle von Krankheiten in der Wintergerste aufgeführt. Eine am Befall orientierte Behandlungsentscheidung zur Notwendigkeit der Ramulariabekämpfung ist kaum möglich, da zum Behandlungstermin von EC 39 bis EC 51 in der Regel kein sichtbarer Befall vorkommt, die Krankheit nach der Blüte aber mit starkem Befall ausbrechen kann. Deshalb muss man sich regionsspezifisch an den Erfahrungen der Vorjahre orientieren. So ist für NRW in der Regel eine Behandlung gegen Ramularia angeraten.

In Regionen mit geringem (Schleswig-Holstein) bis mäßigen Befall (Ostdeutschland) kann die noch vorhandene Nebenwirkung von Carboxamid-Prothioconazol-Kombinationen noch ausreichenden Schutz bieten.