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Expertenwissen

Wo KI anfängt und warum sie kein alleiniges Zukunftsthema mehr ist

Autor: Dr. Henning Müller, Universität Osnabrück, Projektmanager KI-Reallabor Agrar (RLA)

BlickPunkt, Sommer 2026

Künstliche Intelligenz (KI) unterstützt Landwirte bereits heute im betrieblichen Alltag. Lesen Sie im Beitrag von Wissenschaftler und Landwirt Dr. Henning Müller über ihren Nutzen – und warum Erfahrung und Fachwissen weiterhin den Erfolg bestimmen. Dr. Müller setzt sich u.a. im KI-Reallabor Agrar für eine praxisnahe Entwicklung ein.

KI zwischen Acker, Algorithmen und Anwender

KI ist längst auf landwirtschaftlichen Betrieben angekommen – oft, ohne bewusst als solche wahrgenommen zu werden. Teilflächenspezifische Applikation, kamerabasierte Unkrauterkennung oder automatische Dokumentation gehören für viele Betriebe bereits zum Alltag. KI beginnt dabei nicht erst beim autonomen Feldroboter, sondern häufig bereits dort, wo Daten systematisch genutzt werden, um fundiertere Entscheidungen zu treffen.

Wichtig ist: KI ist kein Selbstzweck und kein Ersatz für landwirtschaftliches Know-how. Sie ist ein Werkzeug, das Landwirte unterstützen soll. Entscheidend für den Erfolg ist weniger die Technologie selbst, sondern der Mensch, der sie anwendet, bewertet und weiterentwickelt. Besonders dort, wo KI Arbeitsabläufe vereinfacht und die Entscheidungssicherheit erhöht, entfaltet sie ihren größten Nutzen.

Von Digitalisierung zu KI – klare Begriffe helfen beim Einstieg

Digitalisierung beschreibt zunächst die Umwandlung analoger Prozesse in digitale Formate, etwa Ackerschlagkarteien oder Maschinendaten. Smart Farming geht einen Schritt weiter: Maschinen, Sensoren und Software werden vernetzt, Daten automatisch erfasst und zusammengeführt.

KI ist, einfach erklärt, die Fähigkeit von Computersystemen, Aufgaben zu übernehmen, die bislang menschliche Intelligenz erforderten, und selbstlernend gefundene Lösungen zu optimieren.

Grundlage dafür ist das Maschinelle Lernen: Systeme erkennen Muster in großen Datenmengen, erstellen Prognosen und geben Empfehlungen. In der Landwirtschaft können KI‑Anwendungen beispielsweise Kulturpflanzen und Unkräuter anhand von Bilddaten unterscheiden oder Ertrags- und Krankheitsrisiken auf Basis historischer Daten abschätzen.

Auch wenn KI heute oft mit Anwendungen wie Chatbots verbunden wird, reichen ihre Grundlagen viele Jahrzehnte zurück. Erst durch steigende Datenmengen und leistungsfähigere Rechner wird ihr Potenzial zunehmend praxisrelevant. Dabei gilt: Nicht jede Automatisierung ist KI und nicht jede KI arbeitet autonom. In der Praxis ist KI häufig die konsequente Weiterentwicklung bestehender digitaler Systeme.

Mehr Effizienz und Entlastung im Betriebsalltag

Für Landwirte steht der praktische Nutzen im Vordergrund. KI kann heute bereits dazu beitragen, Betriebsmittel gezielter einzusetzen, Arbeitszeit zu sparen und Prozesse besser zu planen. Beispiele sind Spot‑Spraying‑Verfahren, teilflächenspezifische Düngung, automatisierte Dokumentation oder eine präzisere Arbeitsorganisation auf Basis von Maschinendaten und Wetterinformationen.

Besonders kleinere und mittlere Betriebe profitieren, wenn KI hilft, knappe Ressourcen effizient zu nutzen. KI ersetzt keine Arbeitskraft, kann aber Routinearbeiten reduzieren und Entscheidungsprozesse unterstützen. So bleibt etwa mehr Zeit für Feldbegehungen, Tierbetreuung oder betriebswirtschaftliche Fragestellungen. Gleichzeitig kann KI dazu beitragen, Fehlerquellen zu verringern und Maßnahmen besser zu dokumentieren. Im Hinblick auf Nachweispflichten und Nachhaltigkeitsanforderungen stellt das einen großen Vorteil dar.

Ein weiterer Pluspunkt: KI‑Systeme verknüpfen unterschiedliche Datenquellen. Informationen aus Bodenanalysen, Wetterprognosen, Satellitenbildern oder Maschinensensoren werden zusammengeführt und übersichtlich aufbereitet. Das erleichtert es Betrieben, komplexe Zusammenhänge zu erkennen und Maßnahmen vorausschauender zu planen. Wichtig ist dabei, Schritt für Schritt vorzugehen: Nicht jede Anwendung muss sofort voll integriert sein, oft genügt ein gezielter Einstieg mit einzelnen Funktionen.

Der Mensch bleibt entscheidend

So leistungsfähig KI‑Systeme inzwischen sind: Sie ersetzen keine Erfahrung. Landwirte bewerten Empfehlungen, prüfen Ergebnisse im Feld und entscheiden letztlich selbst. KI‑basierte Assistenzsysteme liefern Vorschläge – keine Wahrheiten. Ihre Stärke liegt darin, große Datenmengen schnell auszuwerten und verständlich darzustellen.

Die nahe Zukunft liegt deshalb idealerweise in hybriden Systemen, in denen Mensch und Technik zusammenarbeiten. KI unterstützt bei Analyse und Planung, der Mensch behält den Überblick und die Verantwortung. Genau darin liegt das große Potenzial: Technologie sinnvoll einsetzen, ohne die eigene Kompetenz aus der Hand zu geben.

Gemeinsam lernen im KI‑Reallabor Agrar

Wie KI praxisnah entwickelt und erprobt werden kann, zeigt insbesondere das KI‑Reallabor Agrar (RLA) in Niedersachsen. Landwirtschaft, Forschung und Wirtschaft arbeiten hier eng zusammen, um KI‑Anwendungen unter realen Bedingungen zu testen. Die Themen reichen vom Pflanzen‑ und Biodiversitätsmonitoring über datenbasierte Entscheidungsunterstützung bis hin zu Assistenzsystemen für die Landtechnik.

Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Technik allein, sondern ihr Nutzen für den landwirtschaftlichen Betrieb. Landwirte sind aktiv eingebunden: Sie bringen eigene Fragestellungen ein, testen Anwendungen auf Praxisflächen und bewerten die Ergebnisse kritisch. So wird sichergestellt, dass neue Lösungen alltagstauglich sind und konkrete Herausforderungen adressieren – etwa Arbeitsentlastung, Ressourceneffizienz oder steigende Dokumentationsanforderungen.

Ein weiterer Schwerpunkt des RLA ist der Wissenstransfer. Ziel ist es, Hemmschwellen gegenüber KI abzubauen und realistisch zu vermitteln, was KI leisten kann – und wo ihre Grenzen liegen.

Schulungen, Demonstrationsprojekte und Praxisformate helfen dabei, Kompetenzen aufzubauen und Vertrauen in neue Technologien zu schaffen. Der kontinuierliche Dialog zwischen Entwicklung und Anwendung ist entscheidend für Akzeptanz und langfristigen Nutzen.

In vielen Forschungs‑ und Entwicklungsprojekten spielen zudem synthetische Trainingsdaten eine zunehmende Rolle. Neben real erhobenen Felddaten werden gezielt künstlich erzeugte, realitätsnahe Daten genutzt, um KI‑Modelle schneller und robuster zu trainieren.

Fazit

KI beginnt mit Offenheit. KI ist längst Teil moderner Landwirtschaft. Entscheidend für ihren erfolgreichen Einsatz ist nicht die Betriebsgröße, sondern die Bereitschaft, sich schrittweise mit neuen Werkzeugen auseinanderzusetzen und Erfahrungen zu sammeln. KI beginnt nicht mit autonomen Maschinen, sondern mit Neugier und guten Fragen aus der Praxis.

Autor:

Dr. Henning Müller

Universität Osnabrück, Projektmanager KI-Reallabor Agrar (RLA)
Deutsches Forschungszentrum für KI (DFKI), Senior Researcher
Hof Fleming, Landwirt

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