Interview mit dem Berater Jens-Ole Christiansen

Ein spannendes Interview mit dem international erfahrenen Berater Jens Ole Christiansen. Christiansen setzt seit Jahrzehnten auf die Rübe in der Ration und hat schon viele Betriebe erfolgreich begleitet. Er erzählt von „Mythen“, Vorurteilen und realen Erfolgen mit der Rübe.

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Wir müssen die Möglichkeiten sehen und keine Ängste pflegen.

Jens-Ole, Sie sind unabhängiger Berater. Bitte stellen Sie sich kurz den Lesern vor!

Jens-Ole Christiansen: Gerne! Ich nenne stichpunktartig meine beruflichen Stationen.

Ich bin 66 Jahre alt, Däne, und arbeite fast schon mein ganzes Leben für und mit Milchvieh, als Milchviehbetriebsleiter, Milchviehberater und Zuchtwart für das rote dänische Milchrind, „Dairy-Farm-Techniker“, Vertriebsmanager für Zuchtvieh, Fütterungsberater bei Keenan, Berater für BoviCon und als Vetvice Kuhsignal-Trainer.

Seit 1997 bin ich Seniorberater in meinem eigenen Unternehmen BoviCon, welches ich 2007 verkauft habe.

Von 2007 bis 2010 war ich Berater und zeitweise Milchviehbetriebsleiter für FirstFarms Slovakia, wo ich einen Milchviehbetrieb aufgebaut und von 1000 auf 3000 Milchkühen + Jungvieh vergrößert habe.

2010 wurde Bovi Consult mit Sitz in der Slowakei gegründet. Spezialisiert auf TMR-Fütterung, einsilierte Rüben, Management trockenstehender Kühe, Kuhwohl und -verhalten, Kuhstalldesign und Management. Vortragstätigkeit für Landwirte, Berater und Veterinäre.

Bis heute absolviere ich Beratungsdienstleistungen für Milchviehhalter in Dänemark, Mittel- und Osteuropa und bin Trainer für NorFor Ration Optimizer.

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Da haben Sie viele Erfahrungen gesammelt – seit wann arbeiten Sie mit Rüben?

Christiansen: Meine ersten Erfahrungen mit Rüben habe ich in den sechziger Jahren gemacht, von daher kenne ich die Hintergründe all dieser heutigen Vorurteile gegenüber Rüben. Als Berater hatte ich 1996 zum ersten Mal mit einsilierten Rüben zu tun. Seitdem habe ich bei einigen Landwirten durchgehend mit Futterrationen gearbeitet, die einsilierte oder frische Rüben beinhalten.

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Was finden Sie gut an Rüben in der Futterration?

Christiansen: Als ich anfing, Rüben in die Rationen aufzunehmen tat ich das hauptsächlich wegen des hohen Energiegehaltes der Rüben und des hohen Rübenertrages pro Hektar. Was die Rüben sehr interessant in der Futterration für Hochleistungsmilchkühe macht, ist folgendes:

  • Hohe Energieleistung/kg TM
  • Hohe Verdaulichkeit § Erhöht den Anteil an betriebseigenem Futter
  • Erhöht die Futteraufnahme
  • Erhöht den Fett- und Proteingehalt der Milch

1995 begannen wir, Rüben einzusilieren, zumeist mit Rübentrockenschnitzeln oder Maissilage. Wir fanden heraus, dass wir, obwohl der Fettgehalt in der Milch zurückging, im Sommer immer noch einen höheren Fettgehalt in der Milch erzielten als Herden, die keine Rüben bekamen.

Rüben sind einfach einzusilieren, und wenn der Zucker während des schnell verlaufenden Silierprozesses zu Ethanol umgewandelt wird steigt der Energiegehalt. Neue Studien zeigen sogar, dass Ethanol einen sehr positiven Effekt im Pansen hat. Mit einsilierten Rüben in der Futterration erreichen wir eine hohe Verdaulichkeit von NDF und das ist einer der Gründe, warum der Fettgehalt ansteigt. Dieselbe Studie zeigt auch, dass gleichzeitig die Methanproduktion im Pansen abnimmt.

Wenn wir Rüben mindestens 3 kg Trockenmasse in der Futterration haben, können wir oft Fett- und Getreidezusätze in der Ration verringern. Man darf hierbei nicht vergessen, dass selbst gesättigte Fettsäuren einen negativen Einfluss auf die NDF-Verdaulichkeit haben, und ein hoher Stärkegehalt hat ebenfalls negative Auswirkungen auf den Fettgehalt der Milch.

Der Rübenanbau stellt hier sicher, dass der Landwirt jedes Jahr hoch verdauliches Futter zur Verfügung hat, denn Rüben haben immer dieselbe hohe Verdaulichkeit, unabhängig davon, ob es eine trockene, warme, nasse oder kalte Anbausaison war, da die Zusammensetzung der Trockenmasse gleich bleibt.

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Rüben machen das Futter schmackhaft. Gut durchmischte Rationen ermöglichen eine gleichmäßige Futteraufnahme.

Rüben machen das Futter schmackhaft. Gut durchmischte Rationen ermöglichen eine gleichmäßige Futteraufnahme.

Warum sind Rüben denn aus dem Futtertrog verschwunden?

Christiansen: Ich sehe im Wesentlichen drei Gründe:

  • Es wurde mehr und mehr Silomais in Nordeuropa angebaut.
  • 1992 wurden flächenbezogene Zahlungen der EU verändert und dabei fielen auch die Zahlungen für Zucker- und Futterrüben weg.
  • Milchviehbetriebe hatten in der Zeit noch nicht an der Entwicklung der Anbautechnik von den Zuckerrübenanbauern partizipiert. Damals hatte noch keiner Erfahrung mit dem Einsilieren von Rüben. Das heißt, dass damals die Rüben innerhalb von fünf bis sechs Monaten aufgebraucht sein mussten. Gleichzeitig war es problematisch, Rüben im Lager zu überwintern. Täglich Rüben zu schnitzeln war arbeitstechnisch auch nicht sehr effizient.

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Ja reden Sie jetzt über Futterrüben oder Zuckerrüben? Wo sehen Sie den Unterschied?

Christiansen: Futterrüben haben einen stark schwankenden Trockensubstanzgehalt von 13 bis 20 %. Hochleistungskühe brauchen unbedingt Rüben mit dem höchstmöglichen TS-Gehalt wegen des Füllfaktors im Pansen. Und Wasser – Wasser ist billiger, wenn man es aus der Leitung nimmt! Ich empfehle, eine Sorte zu wählen, die einen TS-Gehalt von mindestens 22 % hat. Der Name der Rübe ist egal – es geht einfach um den höchstmöglichen TM-Gehalt und Ertrag und natürlich um passende Sorteneigenschaften für den Anbau auf dem eigenen Standort.

Nur als Beispiel fürs Einsilieren: 1 t Rüben mit 14% TM benötigt 280 kg Trockenschnitzel und 1 t Rüben mit 23% benötigt 150 kg.

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Was macht die Rüben nun wieder so interessant für die Betriebe? Ich höre heraus, dass es da viele Möglichkeiten für das ganze Management gibt.

Christiansen: Das ist eine gute Frage und sehr umfangreich. Da muss ich weit ausholen und einzelne Punkte genau erläutern.

Ganz allgemein ist das auf dem eigenen Betrieb angebaute Futter das günstigste. Moderne Holstein-Friesians haben einen großen Körper, d.h. sie haben die Möglichkeit, viel Futter aufzunehmen. Für eine positive Kombination von hohem Milchertrag und Kuhgesundheit ist es wichtig, mit einem hohen Anteil an hochverdaulichem Futter zu arbeiten.

Ihre hohe Verdaulichkeit und ihr hoher Energiegehalt sind mit die wichtigsten Gründe, warum sich Landwirte dafür entscheiden, Rüben in die Futterration aufzunehmen. Der Energiegehalt von “frischen” Rüben (berechnet in NorFor NEL20 MJ/kg TM) liegt bei 6,6 und von einsilierten Rüben bei 7,4, Gerste bei 7,2, Triticale 7,7 und DDGS 6,8-7,5. Rüben können problemlos verschiedene zugekaufte Futtermittel ersetzen.

  • Der durchschnittliche Milchertrag konventioneller Dänischer Holstein-Friesians (durchschnittliche Herdengröße 207 Kühe) lag in den vergangenen 12 Monaten (01.09.2019 bis 31.08.2020) bei 11.505 kg ECM (jährliche Fütterungstage), und viele Herden haben durchschnittlich mehr als 13.000 kg ECM. Das zeigt einfach, dass es sehr wichtig ist, für hoch konzentrierte Energie pro kg Trockenmasse zu sorgen, um ausreichend Futteraufnahme sicherzustellen und eine starke Verschlechterung der körperlichen Verfassung zu vermeiden. Dazu bedarf es einer hohen Futterqualität mit einem hohen Energiegehalt pro kg TM und eines geringen Füllfaktors im Pansen. Das ist einer der Gründe, weswegen Rüben wieder in die Futterrationen müssen.
  • Wenn wir Rüben mit einem saftabsorbierenden Futter einsilieren, können wir die Rüben das ganze Jahr über nutzen und eine sehr stabile Futterration sicherstellen, in der sich lediglich von einem Grasschnitt zum anderen etwas ändert.
  • Futterrationen für Herden mit mehr als 10.000 kg ECM haben 50-55 % Futter hoher Qualität und 45-50 % Konzentratfutter (zugekauft) – Rüben in der Ration erhöhen den Futteranteil auf 55-62 % je nach Qualität der Gras- und Maissilage.
  • Die meisten Hochleistungsherden verwenden zusätzliches geschütztes Fett in der Futterration, um eine hohe Energiekonzentration aufrecht zu erhalten, und sehr oft können wir es herausnehmen oder die Menge in der Ration verringern. Fett, selbst gesättigte Fette, reduzieren die Verdaulichkeit von NDF. Wenn Sie Kühe mit hoch verdaulichem NDF füttern, erhalten Sie einen hohen Milchertrag und die Kühe sind gesünder, als wenn sie mit einem hohen Stärkegehalt im Futter zu tun haben.
  • An Milchviehhalter werden in Zukunft vielfältige Anforderungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel gestellt werden. Eines der schwierigsten Themen in diesem Zusammenhang ist die Methanproduktion im Pansen, wenn die Futterration einen hohen Anteil an Futterpflanzen enthält. Neue Studien haben ergeben, dass die Fütterung mit einsilierten Rüben die Methanproduktion durch eine erhöhte Verdauung von NDF reduziert. Rüben anzubauen heißt, einen geringeren CO2-Footprint zu haben, als das beim Anbau anderer Futterpflanzen oder Getreide der Fall ist, und es wird weniger Fläche benötigt.

Jahr für Jahr dieselbe Kultur auf ein- und demselben Acker anzubauen gibt viele Probleme, und die meisten Landwirte wissen, dass eine ordentliche Fruchtfolge ein Muss ist. Insbesondere bei vielen Milchviehbetrieben wird die komplette Fläche benötigt, um Futter anzubauen. Und dann hat man ein Problem, wenn man nur Gras und Mais anbaut. Rüben sind eine exzellente Vorfrucht und hinterlassen nach der Ernte keinen Stickstoff. Rübenfruchtfolgen erhöhen auch die Biodiversität. Auch das wird eine Forderung sein, die in Zukunft gestellt werden wird. In Dänemark ist bereits der Trend zu erkennen, dass Milchviehbetriebe Kartoffeln als Auftragsproduktion für Pflanzenbaubetriebe in ihre Fruchtfolge aufnehmen, während die Pflanzenbaubetriebe im Gegenzug Silomais für sie anbauen. Dieses Jahr habe ich zwei Kunden, die einen Pflanzenbaubetrieb beauftragt haben, für sie Rüben zu produzieren. Auch das ist ein Weg zu besserer Fruchtfolge und Biodiversität.

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Das sind ja viele Stellschrauben für die Betriebe. Welche direkten Effekte haben Rüben denn noch?

Christiansen: Wie gesagt, hauptsächlicher Effekt von Rüben ist in der Futterration ist, dass zumeist die Futteraufnahme steigt und der Anteil an zugekauften Futtermitteln abnimmt. Die Produktion von ECM (Energie-korrigierter Milch) steigt meist ebenfalls, da höhere Fett- und Eiweißgehalte festzustellen sind. Normalerweise steigt der Fettgehalt um mindestens 0,2 und Eiweiß 0,1. Das wiederum hat positive Auswirkungen auf den Milchpreis. Es ist oftmals möglich, die Futterkosten zu senken, doch genauso wichtig ist es auch, die Milchleistung pro Kuh so weit wie möglich zu steigern, aber auf gesunde Art und Weise.

Seit letztem Jahr steht den dänischen Landwirten ein neues Tool zur Verfügung, um das Wiederkäuen zu kontrollieren. Bei jeder Milchertragskontrolle der Herde wird die Milch einer jeden Kuh nun auf De Novo-Fettsäuren kontrolliert. Der De Novo-Fettsäuregehalt in der Milch gibt eine Aussage darüber, ob das Wiederkäuen gut oder weniger gut funktioniert. Wenn der De Novo-Fettsäuregehalt unter 25g liegt (25 g De Novo Fettsäuren pro 100 g Gesamtfettsäuren) ist das ein Indiz dafür, dass man Gefahr läuft, die Herde in eine Azidose und einen Verlust an Fettgehalt geraten zu sehen! Die Produktion von De Novo Fettsäuren wird von einem hohen Fettsäuregehalt in der Ration, frischem Gras und einer negativen Energiebilanz gedrosselt. Eine erhöhte Produktion von De Novos-Fettsäuren erfolgt bei einem hohen Zuckergehalt in der Futterration und einem hohen Anteil an Raufutter (NDF).
Es wird mehr Futter in Form von Raufutter aufgenommen, wenn das Futter schmackhaft ist, ein geringer Füllfaktor vorliegt, die NDF’s besser verdaut werden und eine kontinuierliche Aufnahme erfolgt, wenn geschnitzelte Rüben in die TMR gemischt werden. Eine separate Fütterung nur mit Rüben zweimal pro Tag gibt Probleme, genauso wie eine zweimal tägliche Getreideverfütterung. Wenn die Rüben in eine TMR-Mischung kommen, müssen wir weniger Futtermittel zukaufen.

Aus unseren Erfahrungen mit verschiedenen Herden hat sich gezeigt, dass De Novo Fettsäuren steigen, wenn wir damit beginnen, Rüben zuzufüttern, und wenn wir die Rüben herausnehmen aus der Futterration nimmt der De Novo-Fettsäurengehalt wieder ab. Damit ist erwiesen, dass Rüben in einer TMR Mischung einen positiven Effekt im Pansen haben.

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Jens Ole Christiansen begutachtet eine Futtermischung. Der Blick in den Stall ist ihm sehr wichtig.

Jens Ole Christiansen begutachtet eine Futtermischung. Der Blick in den Stall ist ihm sehr wichtig.

Landwirte, die noch keine Rüben einsetzen, führen immer erstmal den Erdanhang oder den hohen Zuckergehalt als Problem an – warum braucht man da nichts zu befürchten? Und welche Mengen sind zu empfehlen?

Christiansen: Die heutigen Rübensorten haben einen sehr glatten Körper. Mit den heutigen Anbaumethoden und unter normalen Erntebedingungen reinigen die Reinigungselemente der Rübenroder und der Reinigungslader die Rüben sehr gut ab. Futtertabellen weltweit sprechen von einem Rohaschegehalt von 7-9 % der Trockenmasse. In Dänemark haben wir beide Rübenarten analysiert, bevor sie einsiliert wurden, und dann die einsilierten Rüben nochmal analysiert (Rüben + Rübentrockenschnitzel). Der Rohaschegehalt schwankte zwischen 6,5 und 9,5 %. Rübenschnitzel haben einen Gehalt von 7,0 % und Melasse 12,7 %. Analysen von 12.364 Grassilageproben von 2017, 2018 und 2019 hatten im Durchschnitt aller Schnitte (5 pro Jahr) einen Rohaschegehalt von 9,8 %!

Eine kanadische Studie zeigte, dass es möglich ist, Stärke in der Ration durch Zucker zu ersetzen, ohne dass deswegen der pH-Wert im Pansen fällt. Eine andere Studie aus dem Futterforschungszentrum in Madison zeigt, dass der pH-Wert des Pansens auf demselben Niveau bleibt oder sogar steigt, wenn Stärke durch Zucker ersetzt wird.

Die Arbeitszeitbedarf steigt etwas, wenn frische Rüben verfüttert werden, und nicht nur Mais- und Grassilage. Sie müssen eine Zerkleinerungstechnik am Lader haben, wenn Sie die Rüben in den Mischbehälter füllen. Je nach Technik benötigt man 1,5-3 min/Tonne.

Wie ich vorher schon sagte empfehle ich, die Rüben mit Trockenschnitzeln einzusilieren. Das ist einmal Aufwand, aber danach ist der tägliche Zeitbedarf fürs Verfüttern von Rübensilage identisch mit dem anderer Silagen. Indem wir Rüben einsilieren vermeiden wir Energieverluste während der Lagerung und Lagerprobleme im Winter.

Manche Betriebe haben Probleme mit Steinen im Boden, aber heutzutage können die Maschinen sehr gut die Steine von den Rüben abscheiden. Darüber hinaus sind auch die meisten Bröckler außerordentlich effizient beim Aussortieren von Steinen.

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Warum raten dann so viele Fütterungsberater davon ab, Rüben zu verfüttern?

Christiansen: Mythen und Vorurteile gegenüber Rüben für Milchvieh sind wie Märchen, die von einer Generation zur andern weitererzählt werden, auch unter Beratern. Junge Berater haben noch keine Erfahrung mit dem Verfüttern von Rüben und haben große Angst, Futterrationen zu berechnen, weil ihnen diese Vorurteile und Märchen noch im Kopf herumspuken. Wir müssen daran erinnern und die Landwirte wie auch die Berater darauf aufmerksam machen, dass man ganz früher Rüben zweimal pro Tag verfüttert hat, und das in einer nicht sehr ausgeglichenen Futterration. Das war die Hauptursache von Problemen. Heute jedoch, wenn wir ausgeglichene TMR-Rationen verfüttern, optimiert die Rübe jede TMR-Ration!

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Wir haben den Eindruck, dass Rüben in der Ration in vielen Nachbarländern schon Standard sind. Was ist der Unterschied zu Deutschland?

Christiansen: Naja - in Nachbarstaaten Deutschlands werden Rüben zwar verwendet, aber das ist nicht unbedingt Standard. Aber es gibt eben Unterschiede in der „Philosophie“ der Fütterung. In Skandinavien liegt ein starker Fokus auf dem NDF in Futterrationen, denn ein hoher Gehalt an hochverdaulichem NDF erhöht die Milchleistung und den Fett- und Proteingehalt der Milch. NDF ist der gesunde Weg zu einer hohen Milchproduktion.

Südlich von Hamburg aber haben Berater und Landwirte nur den Stärkegehalt im Kopf, wenn es um hohe Milchleistung geht, und dann ist es sehr oft erforderlich, eine Azidose zu vermeiden, indem Puffer und andere teure Additive zugesetzt werden. Die qualitätsvollsten NDF’s erhalten wir aus Futterpflanzen wie Grassilage, Maissilage und anderen Ganzpflanzen- oder Leguminosensilagen. Ich sehe Stärke in der Maissilage nur von sekundärer Bedeutung - der wichtigste Bestandteil ist NDF. Wir können immer – südlich von Hamburg – ausreichend Stärke erzielen. Aber wenn wir den Mais ernten, wenn der Stärkegehalt am höchsten ist, ist die Verdaulichkeit von NDF zu niedrig! Den höchsten Milchertrag aus Maissilage erzielen wir, wenn wir eine Kombination von Stärke und hochverdaulichem NDF vorliegen haben. In Skandinavien legen wir sehr viel Wert auf die Wahl der richtigen Maissorte: Landwirte mit Hochleistungsherden nehmen die Sorten, die die beste Verdaulichkeit sowie den höchsten NDF-Gehalt aufweisen, da steht der Stärkegehalt hinten an.

Wir können die Verdaulichkeit von NDF in Maissilage verbessern, wenn wir einsilierte Rüben einsetzen. Doch die perfekte, optimale Ration besteht einfach aus hoher Qualität, viel NDF und einsilierten Rüben. Da in einsilierten Rüben der Zucker zu Ethanol umgesetzt wird und Ethanol die Verdaulichkeit von NDF erhöht, geht das auch noch mit einer geringeren Methanproduktion einher.

Die meisten Futterrationsoptimierungsprogramme berechnen die Rationen linear. Daher kann es kompliziert sein, eine optimale Ration zu berechnen, wenn man noch keine Erfahrung mit dem Verfüttern von Rüben hat. Seit 2007 ist das von Nordic entwickelte Programm, der NorFor-Futterrationsoptimierer in Island, Norwegen, Schweden und Dänemark im Einsatz. Mehr als eine Million Kühe sind danach gefüttert worden. NorFor ist ein Bewertungsprogramm und basiert auf wissenschaftlicher Vorgehensweise und Wissen bzw. Erfahrung. Es ein nichtlineares Programm. Die Erfahrung aus diesem Programm zeigt, dass es möglich ist, eine höhere Menge an qualitätsvollem Futter in der Ration zu verfüttern und eine hohe Milchproduktion zu erzielen. Es ist möglich, Futterrationen mit 60 % Futterpflanzen zu verfüttern und mehr als 40 kg ECM pro Kuh pro Tag zu erzielen.

Die Milchproduktion von 360.975 dänischen Holstein-Friesian Kühen ist, was in den offiziellen Milchleistungserfassungen festgehalten ist, von 2007 bis heute von 9.332 kg ECM auf 11.505 kg ECM gestiegen. Es ist eine Kombination aus mehr Kuhwohl, Herdenmanagement und dem Effekt des NorFor Rationsoptimierer. Alle dänischen Milchviehbetriebe haben Zugang zu NorFor durch DMS – das Dairy Management System der dänischen Beratungsgesellschaft SEGES. Das Programm berechnet auch verschiedene Umweltparameter.

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Worüber denken viele Milchviehhalter zu viel nach, oder vielleicht auch zu wenig?

Christiansen: Nach vielen Jahren der Tätigkeit in Mittel- und Osteuropa – und südlich von Hamburg! – ist mir klar geworden, dass Milchviehhalter dort im Wettbewerb stehen und sich nicht als Kollegen begreifen, also auch nicht zusammenarbeiten. Das ist meiner Meinung der große Unterschied zu Skandinavien. Hier haben wir eine alte Tradition, wir pflegen nämlich einen regen Erfahrungsaustausch. Die meisten Gruppen bestehen aus etwa 6-8 Leuten, die Betriebe vergleichbarer Größe haben oder verwalten. Sie lernen voneinander und tauschen sich aus. Die meisten Gruppen haben einen Berater als Schriftführer, aber die Teilnehmer legen die Tagesordnung fest. Man trifft sich immer reihum auf den Betrieben. Es könnte so manchem Landwirt die Augen öffnen, wenn er an solchen Erfahrungsaustausch-Gruppen teilnimmt.

Ich habe Rübenfelder von Sibirien bis Rumänien und Norwegen gesehen. Rüben können so gut wie überall angebaut werden. Wir müssen auf die Möglichkeiten schauen und den positiven Effekt, der sich durch das Verfüttern von Rüben an Hochleistungsmilchvieh ergibt und keine Ängste pflegen oder auf Argumente hören wie „das ist ein Problem mit den Maschinen“, „Lohnunternehmer haben sie nicht“, „unmöglich, Rübentrockenschnitzel zum Einsilieren zu kriegen“ etc. etc. – wer nie nach etwas fragt, bekommt es auch nicht. Wenn ein Bedarf bzw. eine Nachfrage existiert, wird es auch einen Markt geben. Wenn Sie keinen Platz für Rüben auf Ihrem Land haben, können vielleicht andere Landwirte für Sie welche anbauen. Nochmal: Wo eine Nachfrage ist, ist auch ein Markt. Vernetzung und Kommunikation spielen eine große Rolle bei der Entwicklung Ihres Milchviehbetriebes, und hier können die Gruppen, in denen man einen Erfahrungsaustausch betreibt, ein Anfang sein.

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Erfahrungsaustausch und offene Diskussionen am Rübensilo bringen jeden weiter.

Erfahrungsaustausch und offene Diskussionen am Rübensilo bringen jeden weiter.

Ein klares Statement! Die letzte Frage: Was ist die schönste Geschichte im Zusammenhang mit Rüben aus all Ihren Jahrzehnten als Berater?

Christiansen: Schwierige Frage, denn da fallen mir viele Geschichten nach so langer Tätigkeit ein. Ok, ich erzähle Ihnen zwei! Vor zwei Jahren besuchte eine Gruppe von 32 deutschen Landwirten, Beratern und Veterinären einen meiner Kunden in Dänemark. Dieser Landwirt verfütterte zum damaligen Zeitpunkt schon seit mehr als acht Jahren einsilierte Rüben, der durchschnittliche Milchertrag lag bei 12.800 kg ECM und die Herde besteht jährlich aus 220 Kühen. Die deutsche Gruppe brachte Ausrüstung mit, um den Kot auszuwaschen und die TMR Mischung zu kontrollieren. Jeder aus der Gruppe war der Meinung, dass die Kühe selektiv fressen, die Konsistenz des Kots sehr ungleich sein würde und die Kühe in sehr schlechter und auch unterschiedlicher körperlicher Verfassung sein würden. Sie konnten Futterreste überprüfen und das Ergebnis, mit dem der Analyse der frischen Futtermischung vergleichen. Sie konnten keinerlei Unterschiede finden. Sie wuschen den Kot, keine negativen Feststellungen, der körperliche Zustand lag zwischen 2,75 und 3,25 bei den milchgebenden Kühen mit einer Tagesproduktion von 40 kg ECM. Das gab äußerst lebhafte Diskussionen nach dem Abendessen!

Die zweite Geschichte trug sich dieses Jahr zu und handelt von zwei Landwirten. Sie hatten versucht, sowohl frische als auch einsilierte Rüben zu verfüttern, der eine über einen Zeitraum von einem Monat, der andere über 8 Monate, und hatten aufgehört, weil sie keine Lust hatten, Rüben anzubauen usw. Der Landwirt, der vom 15.11.2019 bis zum 15.12.2019 Rüben verfüttert hatte, hatte sich dazu entschieden, einsilierte Rüben von diesem Jahr in die Ration zu nehmen. Schließlich traf er dann eine Vereinbarung mit einem Pflanzenproduktionsbetrieb, der nun für ihn die Rüben anbaut und ihm die Rüben auf den Betrieb liefert. Er startet nächste Woche mit 4 kg einsilierten Rüben pro Kuh.

Der zweite Landwirt hatte sich auch mit einem Pflanzenproduktionsbetrieb abgesprochen, der ihm auf 45 ha Rüben für 600 Kühe anbaut. Er hatte seinen Betrieb vergangenes Jahr mit einer schwachen Herde übernommen, die einen durchschnittlichen Milchertrag mit 7000 kg ECM aufwies, und ist nun nach 16 Monaten bei einem Schnitt von 9780 kg ECM. Er merkte, dass er mehr für die Milch bekam, wenn die Kühe Rüben bekamen und dass die Kühe wesentlich gesünder geworden waren.

Wir hatten jetzt nicht genug Zeit, um auch noch über den Rübenanbau zu reden, aber auch hier sehe ich eine große Zukunft für den Rübenanbau!

  • Umweltfragen – Rüben können ein Teil der Lösung sein, sowohl das Verfüttern von Rüben als auch ihr Anbau!
  • Inzwischen gibt es Roboter, und Studien wie auch die Praxis haben gezeigt, dass es möglich ist, den Bedarf an Unkrautvernichtungsmitteln um 75 % zu reduzieren. In allernächster Zukunft werden Roboter mit Kamera in der Lage sein, den Bestand sauber zu halten, ohne Chemikalien einzusetzen.
  • Ein höherer Gehalt an Nährstoffen in der Milch könnte zu einer Forderung werden, um die Transportkosten zu verringern.

Seien Sie bereit für die Zukunft! Treffen Sie Entscheidungen darüber, wie sie ihr begegnen und sie anpacken, und eine dieser Entscheidungen könnte pro Rübe sein!

Herzlichen Dank für diesen umfangreichen Einblick in Ihre Tätigkeit und Erfahrungen!

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